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Blog 945 – 07.06.2026 – Bröckelstein, Lebensabschnitt und Zaunkönigin

Am Sonntag ist der zweite Tag Steinhauen in der Eifel. Der Stein, den ich gewählt habe, ist auf der rechten Seite sehr hart, auf der linken Seite hat er bröckelige Einschlüsse. Das heißt, dass ich rechts sehr kräftig hauen muss, um kleine Stücke zu entfernen und es mir links passiert, dass ich an einer Stelle leicht schlage und sich ein dicker Batzen löst. Meist da, wo ich ihn behalten wollte. Aus dem mittelgroßen Vogel, der links sitzen soll, wird wegen bröckelndem Material erst ein mittelkleiner, dann ein kleiner, am Ende ein liegender. Ich fürchte, wenn ich das übrige Steinmaterial hinter ihm vorsichtig wegschlage, platzt er mit ab.

Da ich vorher keinen Plan hatte, wie der Stein am Ende aussehen soll – außer dass einige Vögel drauf sitzen sollen -, nehme ich es gelassen und genieße schon das Klopfen und Stauben sehr. Steineklopfen braucht Muskeln, entspannt aber meinen Kopf. Ich überlege allerdings schon während des Arbeitens, ob ich zuhause die linke Seite abschlage und einen kleineren Stein mit nur drei Vögeln behalte. Mal sehen. Das hängt auch davon ab, wo ich den Stein hinstelle und wie er da wirkt.


Nach dem Wochenende beginnt gefühlt mein „neues Leben“. Es ist tatsächlich ein anderer Lebensabschnitt. Ich habe jetzt keine Eltern mehr, die Betreuung brauchen, und das Haus ist leergeräumt und kann verkauft werden. Die Arbeit ist vorbei. Die eine Autoladung Sperrmüll, Metall und Elektrogeräte und das abschließende Putzen der Garage zähle ich nicht groß, weil ich das demnächst schnell gemacht habe. Es liest sich emotionslos, was es nicht ist, aber nach den letzten Jahren, in denen mein eigenes Leben immer stärker eingeschränkt wurde, ist es jetzt auch eine große Erleichterung für mich, wieder meine persönliche Freiheit zu haben. Passend dazu stehen in meinem Kalender keine größeren Termine für die nächsten Monate, auch wenn schon länger für „Anfang Juni“ oder „Mitte Juni“ oder „Ende Juni“ ein kleines Arbeitsprojekt angekündigt ist. Das kann aber auch „Anfang Juli oder später“ kommen, denke ich, zumal es für „Anfang Juni“ inzwischen zu spät ist.


Angesichts der vielen Sachen, die bei mir rumstehen, sortiere ich verstärkt aus. Vor einigen Jahren bekam ich ein Kästchen mit alten Totenzettel aus dem örtlichen Umkreis geschenkt. Darunter gibt es viele aus dem zweiten Weltkrieg, die zeigen, wie viele junge Männer aus dem Ort mit gerade mal Anfang 20 im Krieg gestorben sind. Was für ein Wahnsinn! Schule – Lehre – Krieg – tot.

Abgesehen von der Tragik und den persönlichen Verlusten für die Familien, sind die Totenzettel ein Schatz an Zeitgeschichte. Mir fällt ein, dass es ein engagiert geführtes Stadtarchiv gibt, das Interesse haben könnte. Ich bringe den Stapel hin und bin verblüfft, dass der Archivleiter die meisten Namen auf den Zetteln sofort zuordnen kann und sogar die betreffenden Familien und viele Verwandtschaftsverhältnisse kennt. Es ist eine gute Entscheidung, die Totenzettel dort abzugeben. Sie werden jetzt archiviert und digitalisiert und sind damit gesichert und allen zugänglich. Dass sich aus dem Besuch beim Stadtarchiv unerwartet eine neue Projektidee ergibt, an der der Archivleiter und ich beteiligt wären, ist ein interessanter Nebeneffekt. Ich möchte vorerst ja gar nicht groß in andere Projekte einsteigen, weil ich endlich wieder Zeit für meine eigenen habe, aber wenn es Überschneidungen gibt, sehr interessant ist und nicht sofort passieren muss, ist es dann doch wieder gut. Mal sehen, was daraus wird.


Jetzt muss ich noch einen guten Wiedereinstieg für das Puppenstück und das Schreiben des Theaterstücks finden. Das ist nicht so einfach, weil es immer noch sehr viele Kisten und Stapel gibt, die nach dem Ausräumen des Elternhauses bei mir im Weg stehen. Vernünftigerweise sollte ich erstmal in meinen eigenen Zimmern gründlich aufräumen und dabei viel Zeug aussortierten, um Platz für die neuen Sachen zu schaffen. Es hilft ja nichts, wenn ich die jetzt nur dazustopfe. Allerdings wäre ich dann die nächsten Monate nur mit Aufräumen und Sortieren beschäftigt und käme weder ans Puppenstück noch zum Schreiben. Ganz frei mit kreativen Sachen beschäftigen kann ich mich aber auch nicht, wenn um mich herum chaotische Stapel stehen.

Ich überlege etwas und entscheide dann, dass ich in dieser Woche noch sortiere, wegräume und den ersten Platz schaffe. In der nächsten kann ich mich dann auch mit dem Puppenstück beschäftigen und wieder auf Stand kommen. Im letzten November habe ich es plötzlich weglegen müssen und war kurz vor Probenbeginn. Den Text gibt es in der ersten Proben-Fassung, er wird sich im Verlauf der Proben erfahrungsgemäß aber noch etwas ändern. Einige Requisiten fehlen noch und die Spielbühne ist auch noch nicht gebaut. Ob ich dann gleich loslege und auch mit dem Proben beginne oder doch erst das Theaterstück schreibe, muss ich noch entscheiden. Ich kann aber immerhin eine finale To-do-Liste für das Puppenstück anlegen und dann gezielt daran arbeiten.

Zuerst werde ich jedoch die kommenden Tage nutzen, um mit Schwung auszusortieren und umzustapeln. Kaum bin ich zwei Stunden dran – ich bin gerade richtig gut im Wegwerfen und stehe inmitten von geöffneten Kartons und vorsortierten Stapeln -, kommt ein Anruf vom Nachbarn meines Vaters: „Hör mal, ihr habt ’nen Hagelschaden.“ Der heftige Hagel vom letzten Freitag hat nicht nur bei ihm, sondern auch beim Haus meiner Eltern ein Loch in die Lichtkuppel geschlagen. Außerdem gibt es einen Rissschaden im Glas des Vordachs. Oh, nein! Das kann doch nicht sein, dass schon wieder was ist! Ich habe für einige Sekunden einen inneren Meltdown und es kommen sogar zwei Tränen. Es kann doch nicht sein, dass immer wieder eine plötzliche Unterbrechung kommt und ich weiterhin meine eigenen Sachen liegenlassen muss, um mich um anderes zu kümmern. Jetzt ruft schon nicht mehr mein Vater an und hat immer wieder ein neues Anliegen, jetzt ist es der Nachbar. Was soll denn das? Ich beginne gerade meinen neuen Lebensabschnitt, da holt mich der alte zurück.

Aber es hilft ja nichts. Und dass der Nachbar anruft, ist nett und hilfreich. Ich seufze, lasse mein Aufräumchaos liegen, packe die ausziehbare Leiter ins Auto und fahre zusammen mit dem Gatten zum Haus meiner Eltern. Dort klettere ich auf das Bungalowdach und mache Fotos vom Loch in der Lichtkuppel und vom Riss im Glas. Anschließend fahre ich nach Hause, hänge 25 Minuten in der Telefon-Warteschlange der Versicherung und kann dann endlich den Schaden melden. Danach rufe ich beim Dachdecker an, der am Vormittag schon beim Nachbarn war und den Schaden bei meinem Vater vorausdenkend gleich mitaufgenommen hat. Seine Frau ist am Telefon und weiß von nichts, will es ihrem Mann aber ausrichten, wenn er wieder da ist. Dann ist es fast 14 Uhr und der halbe Tag ist schon rum.

Verbissen räume ich weiter auf. Die ersten Müllsäcke füllen sich, viele Bücher kommen in die Kisten für den Bücherschrank, aber noch mehr wandern ins Altpapier. Früher konnte ich Bücher aus Respekt nicht wegwerfen, aber das ist ja Quatsch. Wenn ein Buch schlecht geschrieben ist und ich es beim Lesen mehr als langweilig oder sogar sehr übel finde, landet es im Altpapier. Wenn es gut ist, mich aber persönlich nicht begeistert oder ich es aus Platzgründen nicht behalten kann, kommt es in den Bücherschrank.


Das Wetter bleibt wechselhaft und eher nass. Der eben noch sonnige Himmel kann sich schnell zuziehen und einen Regenguss loslassen. Der Garten gibt sich alle Mühe, möglichst schnell zur undurchdringlichen Wildnis zu werden. Das macht er gut und sehr hübsch. Ein paar Wege und Plätze möchte ich aber auch für mich haben. Ich nutze den Innenhof zurzeit schon nicht, weil dort gerade der Zaunkönig brütet. Er hat das Nest unter dem Pavillondach gebaut, als wochenlang nur selten jemand durch den Hof lief und ist jetzt nicht erfreut, wenn was los ist. Heißt ein brütender Zaunkönig eigentlich Zaunkönigin?

Eine dicke, schwarze Holzbiene brummt durch die Blüten, was mich sehr erfreut. Ein dickes Taubenschwänzchen schwirrt herum, bleibt wie ein flatternder Kolibri über den Dolden stehen und taucht den langen Rüssel in die Blüten. Das Taubenschwänzchen sieht etwas skurril aus, ist aber tatsächlich ein Schmetterling.

Wenn ich zwischendurch im Garten bin, um ein paar Wege freizuhalten oder den Wein an der Laube vom Wahnsinn des Rankens abzuhalten, vermisse ich den Kater sehr. Er lag fünfzehn Jahre lang immer in meiner Nähe, wenn ich draußen herumwerkelte. Meist lang hingestreckt und entspannt, ohne eine Pfote zu rühren, aber sehr zufrieden mit der Situation. Jetzt liegt er nicht mehr auf einer Treppenstufe oder auf dem Plattenstapel und blinzelt mich verschlafen an, und ich sage nicht mehr zwischendurch: „Na, Mäuschen“ und kraule ihn kurz hinter den Ohren. Da er nur vier Tage vor meinem Vater starb, gehört auch das zu dem Ende eines langjährigen Lebensabschnittes. Dass ich nicht mehr im Winter morgens um 5 Uhr müde und frierend an der Haustür stehe, weil der Kater maunzend raus wollte, jetzt aber auf der Schwelle stehenbleibt und es sich angesichts des Wetters doch noch mal in aller Ruhe überlegt, vermisse ich nicht so sehr. Im Garten aber fehlt er mir wirklich.