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Blog 946 – 14.06.2026 – Malerei, Sommerresidenz, Eddi und Shakespeare

Mein Kalender hat nur wenige Einträge und ich fühle mich jetzt tatsächlich drin im neuen Leben, in dem ich sehr frei über meine Zeit verfügen kann. Sofort am Montag beginne ich mit dem Malen. Leider handelt es sich nur um Farbe, die auf eine der Wände im Hof kommt. Wie ist mir das denn schon wieder passiert? Anstatt am Puppenstück zu werkeln, streiche ich sorgfältig eine Hauswand, inklusive Sockel und Regenrinne. Und als am nächsten Tag alles trocken ist, ein zweites Mal.

Danach sieht die Wand wieder gut aus und die Regenrinne so schön wie noch nie. Dafür fällt umso deutlicher auf, dass auch die Nachbarwände dringend überarbeitet werden müssen. Das ist blöd, denn das ergibt ja einen Bandwurm von Arbeit, weil immer der Teil neben dem frisch gestrichenen dann auffallend verwahrlost wirkt und nach Zuwendung ruft.

Vor dem sofortigen Weiterstreichen schützt mich aber mein kreativer Drang. Die eine Wand war wichtig, weil da ein Klimagerät angeschraubt werden soll, das seit Wochen wartend im Pavillon herumsteht, Platz wegnimmt und das Aufräumen erschwert. Jetzt kann es an die Wand geschraubt werden und macht den Weg frei. Wobei der freie Weg zum Aufräumen des Hofes gerade nur vorsichtig begangen werden kann, denn im Pavillon, schräg über dem abgestellten Gerät, befindet sich das kleine Zaunkönignest. Als die winzige, mausschnelle Mutter gerade zum Essenbesorgen los ist, fotografiere ich vorsichtig in den kleinen Hauseingang und erblicke gelbe Babyvogelschnäbel. Die sind für spitze Zaunkönigschnäbel erstaunlich breit, aber es muss ja auch viel reinpassen.


Dann mache ich die Gartenlaube sommerfertig, indem ich alles vom Tisch räume, das sich seit dem Winter dort angesammelt hat. Der Tisch ist praktisch zum schnellen Ablegen von Gartenwerkzeugen, Verlängerungleitungen und Kleinkram, liegt aber zu abseits, um schnell wieder leergeräumt zu werden. Aber jetzt brauche ich ihn, denn die Laube wird im Sommer mein wunderbares, abgelegenes Arbeitszimmer sein. Sollte ich sie „Sommerresidenz“ nennen? Schnell sehe ich nach, was der Begriff genau bedeutet: „Ein Schloss oder eine Burg, welche nur vorübergehend – vor allem im Sommer – bewohnt wurde und sich häufig in relativer Nähe zum Hauptwohnsitz des Erbauers befand.“ Passt doch. Ich kann kaum erwarten zu sagen: „Ach, da kann ich leider nicht. Da bin ich in meiner Sommerresidenz.“ Kaum habe ich die Sommerresidenz-Laube aufgeräumt, hole ich meine Kiste mit den gesammelten Unterlagen zum Puppenstück, setze mich an den Tisch und sehe durch, was ich habe.

Es gibt einen getippten Spieltext, Notizzettel mit weiteren Ideen, die mir danach eingefallen sind, eine grobe Skizze zum Bühnenbau, erste Requisiten und eine bunte Lichterkette. Außerdem habe ich die Puppen fertig gebaut, möchte allerdings bei einer davon noch etwas am Arm und eventuell etwas am Klappmaul korrigieren. Insgesamt ist das eine solide Basis. Ich beginne die finale To-do-Liste, die ich jetzt noch auffülle, in den nächsten Wochen aber nach und nach abarbeiten kann. Ganz eilig habe ich es nicht damit, denn ich werde das Puppenstück im Juli auf einen kleinen Seitenweg fahren, während ich mich auf dem Hauptweg mit dem Menschen-Theaterstück beschäftige. Das muss ja noch geschrieben werden, was eine zeitlich unüberschaubare Arbeit ist. Vielleicht klappt das Schreiben sofort, vielleicht muss ich den Text aber mehrfach überarbeiten oder ihn sogar komplett neu beginnen. Noch ist viel Zeit, denn ich muss damit erst gegen Jahresende fertig sein. Aber je früher ich ihn habe, desto entspannter bin ich und desto eher kann ich mich wieder an das Puppenstück begeben.


Das Haus meines Vaters meldet sich. Jetzt ist es endlich ausgeräumt und dürfte mir keine Arbeit mehr machen, aber trotzdem ruft es: „Hier! Ich hab‘ was!“ Eher zufällig stelle ich vor Ort fest, dass der Hagel vor zwei Wochen nicht nur ein Loch in die Lichtkuppel und einen Riss ins Vordach geschlagen hat, sondern auch kleine Löcher in die Rollläden. Das fiel bisher nicht auf, weil die Löcher von innen nicht zu sehen sind und die Rollläden an den meisten Fenstern morgens elektrisch hochgezogen und abends runtergelassen werden. Wenn ich da war, waren sie in ihren Kästen verschwunden und die Löcher versteckt. Schon wieder fotografiere ich alles und hänge danach in der Warteschleife der Versicherung, um die Schäden zu melden. Auch das Außengerät der Klimaanlage hat etwas abbekommen, von dem ich nicht weiß, ob es nur ein kosmetisches ein Problem ist. Nach dem Dachdecker brauche ich jetzt noch zwei weitere Firmen, die sich die Schäden zeitnah ansehen und Kostenvoranschläge machen. Jou, prima, da wird es mir nicht langweilig werden, wo ich doch jetzt wieder Zeit habe.


Am Freitag tritt Eddi Hüneke in Hürth mit „Atempause“ auf. Ui, das Programm trifft mich an manchen Stellen unerwartet emotional. Eddi singt von persönlicher Freiheit, von Zeit, die man für sich selber nehmen soll und der inneren Ruhe in trubeligen Zeiten. Das sind genau die Sachen, die ich jetzt wieder habe und die mir so gefehlt haben. Aber dass ich wieder frei bin und endlich wieder Zeit für eigene Sachen habe, hat auch mit Verlusten zu tun. Ich freue mich einerseits sehr über die jetzige Situation, es ist aber auch einiges aus meinem Leben verschwunden oder befindet sich gerade im endgültigen Verabschiedungsmodus. Dieser Übergang ist sowieso emotional.

Als Eddi alle im Publikum auffordert, die Augen zu schließen und sich an eine schöne Situation zu erinnern, fällt mir spontan ein, wie ich im sommerlichen Garten auf einer Treppenstufe sitze, die Katze um meine Beine streicht und von mir gekrault wird. Ich kann mich sofort reinversetzen und bin total entspannt. Ach, wie schön! Aber – hach, ich vermisse sie manchmal so sehr! Puh, ich muss sofort aufhören, mir die Katze im Garten vorzustellen, denn mir kommen Tränen. Zu viel rührende Erinnerungen kann ich gerade nicht gebrauchen. Dazu kommt, dass Eddi vor mir auf der Bühne steht. Das ist an sich kein Grund zum Weinen. Es macht mich aber ein bisschen sentimental. Er war zu Wise Guys Zeiten viele Jahre lang ein wichtiger Teil meines Lebens und ist mir immer noch mit jeder Geste vertraut. Auch die Wise Guys gibt es als Gruppe schon lange nicht nicht mehr und die Zeit ist vorbei. Ach, es gibt gerade in allen Richtungen Erinnerungen, vergangene Zeiten und neue Wege. Kein Wunder, dass ich gefühlsmäßig ein bisschen an der Kante bin, auch wenn ich mich grundsätzlich als stabil wahrnehme und meine innere Freude und meine Energie nach außen durchdringen. Zum Glück gibt es bei Eddis Konzert auch viel zu lachen und das passt schon alles. Es ist ein schönes Konzert, das mir gut gefällt und mir unerwartet gut tut. Und es ist auch sehr schön, dass ich Eddi mal wieder treffe.


Am nächsten Morgen geht es früh nach Frankfurt. Die englischsprachige F.E.S.T.-Theatergruppe spielt „The Complete Works of William Shakespeare“, gekürzt auf zwei Stunden. Nicht nur der Sohn ist in einer kleinen Nebenrolle dabei – er macht dort eigentlich Regie-Assistenz, hat dann aber auch den Job eines eher genervten Hausmeisters übernommen, der den Darstellern zeitgenau Requisiten durch den Vorhang reicht und auch mal hinter ihnen herräumt -, in Kurzauftritten spielen auch zwei meiner Handpuppen und eine Klappmaulpuppe mit. Und der Dudelsack, der nach meiner Pfeifen-Bearbeitung inzwischen immerhin einige Töne herauspressen kann.

Schon vorher vermute ich, dass Shakespearetexte und schräge Wortspiele mein holperiges Feldweg-Englisch überfordern, zumal ich auch nur äußerst unzureichende Kenntnisse der Werke Shakespeares habe. Es stellt sich heraus: Ja, ich verstehe nicht alles, aber die drei Hauptdarsteller sind mit so einer Spielfreude und Energie dabei, dass sie das Publikum komplett mitreißen. Es macht mir große Freude, so gutes Theater zu sehen. Das Stück ist schon gut, aber es lebt von den drei Darstellern, die extrem schnell reagieren, ungeheuer lustig sind, spontane Ideen haben, das Publikum miteinbeziehen und viele gute Regieeinfälle umsetzen. Ich lache sehr viel und bin begeistert. Der Dudelsack spielt so mickrig, dass es genau dadurch noch witziger wird, und meine Puppen, die sonst seriös und auf Manieren bedacht im Puppenstück für Kinder agieren, haben eine nicht jugendfreie Erwachsenenszene. Das gibt großes Gelächter. Ein tolles Theaterstück mit großartigen Darstellern!