Blog 947 – 21.06.2026 – Spurensicherung, Winzlinge und loslassen
Aus dem Plan, am Sonntag in Frankfurt aufzuwachen, mit dem Sohn noch gemeinsam Mittagessen zu gehen und dann nach Hause zu fahren, wird nichts. Das Aufwachen klappt noch wie vorhergesehen, doch dann denke ich daran, wie gut mir das gestrige Shakespeare-Theaterstück gefallen hat und dass es für die heutige Vorstellung noch einige Restkarten gibt. Kurzentschlossen reserviere ich für den Gatten und mich sofort Tickets. Daraufhin führen wir den Vormittag und das Mittagessen wie geplant durch, dann fährt der Sohn schon mal zum Theater los und wir folgen einige Zeit später. Die Sonntagsvorstellung beginnt um 15:30 Uhr, da bleibt für uns noch Zeit, in ein Eiscafé zu gehen.

Das Stück nochmal zu gucken, ist die richtige Entscheidung. Wieder haben wir ein schnelles, lustiges und großartiges Theatererlebnis, das, weil es die Dernière ist, sogar noch wilder und lustiger wird. Es macht großen Spaß, das Publikum ist voll dabei und klatscht und trampelt am Ende begeistert. Im Anschluss fahren wir immer noch lachend und gut gelaunt nach Hause.
Am nächsten Tag sitze ich gemütlich in meiner Laube, höre einen Kein-Mucks-Krimi und nähe an der Puppe. Ihr rechter Oberarm muss ein wenig verlängert werden, was dann zwar einen Längenunterschied zum linken ergibt, in der Bewegung aber passender und natürlich aussieht. Die Armverlängerung klappt problemlos. Danach bereite ich eine Gaumen-OP vor, weil der Mund doch noch ein Stückchen weiter aufgehen soll. Das Aufreißen brauche ich nicht oft und es klappt jetzt schon, aber nur mit etwas Krafteinsatz. Und da arbeite ich lieber jetzt noch am Gelenk und dem Innenbereich, damit es später ganz geschmeidig geht. Kaum sind die Nähte gelöst, der Gaumen ist vorsichtig geöffnet und die Puppe liegt mit losem Unterkiefer operationsbereit vor mir, höre ich auf. Für die Arbeit muss ich sehr konzentriert sein, und das ist mir heute zu frickelig. Ich lege die Puppe auf den Tisch der Laube und decke ihr Gesicht mit einem Tuch ab, damit kein zufällig in der Laube rastender Vogel draufkacken kann. Oh, jetzt sieht sie aus wie ein Mordopfer, das auf die Spurensicherung wartet.

Im Hof hört der Gatte ein hohes Piepen und entdeckt ein Zaunkönigkind am Ende der Kellertreppe. Seine Flugkünste sind noch nicht gut genug, um von unten senkrecht an der Kellerwand hochzufliegen, und um die schräge Route parallel über den Treppenstufen zu wählen, ist er noch zu neu im Flugverkehr. Vorsichtig fange ich ihn ein und lasse ihn in die Büsche flattern. Etwas später sitzt er – oder eines der anderen Mini-Federbällchen – im Hof auf der Mauer. Noch recht angstfrei vor großen Menschen und mit durch die heruntergezogenen gelben Schnabelränder typisch mürrischen Gesichtsausdruck sehr junger Vögel. Seine Eltern werden ihn trotzdem lieben und sehr hübsch finden.

Ich fotografiere ihn, drehe mich um und sehe gleich hinter mir auf dem Rand einer leeren Kiste ein Geschwisterkind. Mindestens ein weiteres ist noch im Nest. Hoffentlich traut es sich bald heraus, um bei der Gruppe zu bleiben und weiterhin gut versorgt zu werden.

Den ganzen Tag über hören wir das helle Fiepen der Jungvögel. Die nicht sehr viel größeren Eltern fliegen aufgeregt herum. Kein Wunder. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mehrere Kleinkinder habe, die gerade laufen gelernt haben und nun gleichzeitig in verschiedene Richtungen davonmarschieren, ohne Gefahren zur kennen und ohne große Angst zu haben … STRESS!

Am nächsten Tag sind alle kleinen und minikleinen Zaunkönige und -königinnen aus dem Hof weg und es bleibt ein kleines, leeres Nest zurück. Viel Glück, ihr hübschen Winzlinge!
Der jährliche Schornsteinfegertermin im Haus meiner Eltern steht an und ich fahre schon wieder zum Haus. Ich bin etwas früher da, trage den letzten angesammelten Müll aus der Garage ins Auto und hieve nun auch den kleinen Schreibtisch mit der hübschen Rolltür dazu. Der stand wochenlang zum Verschenken vor der Garage, aber niemand wollte ihn haben. Ich sehe, dass in den letzten Tagen wohl ein besonders schlauer Mensch den alten Schlüssel der Rolltür mitgenommen hat. Dadurch könnte man die momentan offene Rolltür noch einmal nach oben rollen und einschnappen lassen, aber nicht mehr öffnen. Na, toll! Es war zwar alles zum Mitnehmen gedacht, aber nicht der Schlüssel ohne Schreibtisch.
Als in der Garage alles leer ist, putze ich den Garagenboden. Es ist heiß, das Putzsystem ist schwer und unhandlich und einige Flecken muss ich mit einem kratzigen Schwamm reiben, um sie zu entfernen. Mittendrin klingelt der Schornsteinfeger. Ich öffne die Tür verschwitzt, außer Atem und mit rotem Kopf und erkläre mein Aussehen mit: „Ich putze gerade die Garage.“ Dabei wische ich mir den Schweiß von der Stirn und freue mich, dass er mich jetzt vermutlich für eine überkorrekte Hausfrau hält. Wer bei schwülheißen 30 Grad die Garage putzt, nimmt es schon sehr genau mit der Ordnung und Sauberkeit.

Kaum hat der Schornsteinfeger den Kamin begutachtet und ist wieder weg, putze ich den Garagenboden fertig, fahre nach Hause und hole den Gatten ab. Zusammen fahren wir eine halbe Stunde zum Müll- und Recyclinghof, wo wir Metall, Elektrogeräte und Schadstoffe an ihre jeweiligen Stellen bringen und er mir hilft, den Schreibtisch mit dem hübschen Rolltor, das jetzt keinen Schlüssel mehr hat, die Treppe zum Holz-Container hochzutragen und dort über die Kante zu heben. Polter, krach fällt der Tisch hinein und das war’s.
Zwei Tage später bin ich schon wieder im Haus, weil diesmal jemand kommt, um den Hagelschaden an den Rollläden anzusehen und einen Kostenvoranschlag für die Versicherung zu machen. Weil es gerade tagsüber sehr heiß wird, fahre ich erneut früh los, um vorher noch im Garten zu arbeiten. Da sprießt schon wieder überall neues Unkraut hoch, der kleine Teich wächst fast zu und die vom Hagel getroffene Weinpflanze hat abgestorbene Austriebe, die braun und vertrocknet nach unten hängen.

Ich reiße aus, schneide ab und sehr schnell ist die Biotonne bis oben voll. Oh, Mist, ich bin noch gar nicht fertig mit dem Grünzeug! Na, die Tonne wird am Montag geleert, dann werde ich noch eine Runde mit dem Garten weitermachen müssen und sie in der Woche danach erneut rausstellen. Wenn alles klappt, ist am Montag auch der Notartermin zum Verkauf des Hauses. Der stand immer ein bisschen aus, ist jetzt doch aber ganz schnell und plötzlich da. Wegen der aktuellen Hagelschäden, dem Kontakt mit der Versicherung und den anstehenden Reparaturen werde ich aber wohl erstmal weiterhin eingebunden sein. Das ist schon etwas holperig, dass die Hausversicherung noch auf meinen Vater läuft, ich anstelle von ihm alles mit der Versicherung und den Firmen bespreche, das Haus jetzt verkauft wird und zusammen mit der Versicherung auf die Käuferin übergeht. Ein Haus, drei verschiedene Namen. Ob das alles klappt?
Vielleicht macht das Haus es extra, dass das Unkraut und alles Grün gerade so schnell wächst und ich immer wieder Arbeit damit habe, dass noch ein elektrischer Rollladenmotor kaputt ging und ausgetauscht werden musste, dass noch eine Glühbirne mit leichtem „ping!“ kaputt ging, als gerade alle Ersatzlampen weg waren, und dass der ungewöhnlich heftige Hagel einige Schäden anrichtete, um die ich mich noch kümmern muss – damit es mir leichter fällt, es abzugeben. Das vertraute Haus, das mein Vater eigenhändig gebaut hat, in dem meine Eltern mehr als 50 Jahre wohnten, in dem ich aufgewachsen bin und das immer für mich offenstand. Ich gebe nicht nur das Haus und den Garten weg, ein ganzer, langer Lebensabschnitt mit Kindheit, Jugend, Mama und Papa wird damit abgeschlossen und ist dann nur noch Erinnerung. Das ist ganz seltsam und auch etwas traurig. Angesichts der Arbeit, die mir das Haus gerade verstärkt macht, ist es aber trotzdem eine gute Entscheidung. Ich muss ein Haus nicht nur zur Erinnerung aufbewahren und mich dann ständig darum kümmern müssen. Es hat neue Bewohnerinnen verdient, die gerne darin leben und sich über das Haus und den Garten freuen werden. Dass mein Vater die neuen Bewohnerinnen sehr nett gefunden und ihre Freude über das Haus ihn stolz gemacht hätte, macht es leichter, es abzugeben. Außerdem: Wer loslässt, hat die Hände frei. Ein Spruch, der mich seit einigen Jahren begleitet und der sich als sehr richtig herausgestellt hat.