Blog 953 – 02.08.2026 – Alleinsein, Wanze, Wildschwein und Hitze
In meiner Sommerresidenz – dem Grillplatz mit Laube, hoch oben, am Ende des Gartens – sitze ich weit ab von der Welt. Es fühlt sich zumindest so an. Ringsherum ist es grün zugewachsen und nach vorne kann ich zwischen den Bäumen in die Ferne und auf die ersten Eifeler Hügel gucken. Dort oben fühle ich mich komplett wohl. Manchmal denke ich: „Wenn ich so einen Platz an einem Urlaubsort vorfinden würde, würde ich wünschen, ich hätte so etwas auch zuhause.“ Ich hab’s zuhause. Kein Wunder, dass es mich gar nicht wild in den Fernurlaub zieht, wenn der Extrem-Nah-Urlaub das bietet, was ich brauche. OK, etwas Meer in der Nähe wäre schön und eine Toilette hinter der Laube, damit ich nicht immer nach unten laufen muss, aber ich will es nicht übertreiben.

Während ich meine freie Zeit und meinen Rückzugsort genieße, merke ich, dass ich mich gerade auch vom Sozialleben zurückhalte. Nicht komplett, hin und wieder treffe ich jemanden und das finde ich dann auch gut, aber der Kalender ist weitgehend leer und ich habe gerade nicht das Bedürfnis, das massiv zu ändern. Seit meiner Kindheit brauche ich immer mal Zeit für mich und mag es, alleine zu sein. Konzentriert kreativ arbeiten kann ich nur ungestört. Nach den letzten Jahren, in denen ich immer erreichbar sein musste, oft erreicht wurde und nicht mehr in das Gefühl kam, für mich und komplett ungestört zu sein, brauche und genieße ich die Zurückgezogenheit in diesen Wochen ganz besonders. Umso schöner, dass ich dazu nur bis ans Ende des Gartens laufen muss.
Am Anfang der Woche drucke ich mein frisch geschriebenes Theaterstück aus, setze mich an den Tisch vor der Laube und lese es konzentriert durch. Hin und wieder ändere ich eine Formulierung, ergänze einen Dialog, streiche einen Satz komplett oder mache den Übergang von einem zum nächsten Satz fließender. Beim Lesen setze ich zur Überprüfung wieder meine kleinen Spielfiguren, die jeweils einen Charakter darstellen, passend auf dem Bühnenplan um. Das ist etwas lästig, aber tatsächlich entdecke ich, dass an einer Stelle Lisa auf der Bühne einen Satz sagt, obwohl sie sich gerade in der Küche befindet. Wie konnte das passieren? Mein System ist doch eigentlich idiotensicher!? Ich ändere es, so dass den Satz jetzt Janine sagt und vermute, dass sie das sogar ursprünglich sagen sollte und ich nur versehentlich den Namen Lisa hingeschrieben habe.

Obwohl ich kritisch lese, sehe ich keine Notwendigkeit für große Änderungen. Im Gegenteil, mir gefällt das Stück sehr gut. Hört sich blöd an, weil ich es selber geschrieben habe, ist aber andererseits gut, weil ich es dann selbstbewusst präsentieren kann. Ich gebe alle kleinen Änderungen am Laptop ein und bin – noch nicht fertig. Ehe ich das Stück als „fertig“ bezeichne, bekommen es erstmal meine Söhne, die es kritisch lesen werden. Beide haben ein gutes Gespür, wobei einer von ihnen die Kritik freundlich vermittelt, während der andere mal den legendären Satz brachte: „Das kannst du so lassen, Mama, dann ist es aber scheiße!“ Da er in dem Fall recht hatte, vertraue ich ihm weiterhin. Damals ging es um eine kurze Szene, die ich sehr witzig fand und die genau mein Humorzentrum traf. Der Sohn behauptete, dass niemand den Gag verstehen würde. Ich zog meine Idee durch. Bei den Aufführungen lachten an der Stelle hin und wieder einzelne Zuschauer. Alle anderen nicht. Manchmal lachte gar keiner. Der Gag war gut, das weiß ich, aber der Sohn hatte recht damit, dass ich ihn den Zuschauenden nicht gut vermitteln konnte.
Ich gehe davon aus, dass die theatererfahrenen und Timing schätzenden Söhne schleppende Längen, Unlogisches oder Unverständliches entdecken und rückmelden. Vielleicht kommen von ihnen sogar noch einige Tipps und Ideen. Abgesehen davon werde ich das Stück mit einer Woche Abstand selber nochmal lesen. Mal sehen, ob ich dann immer noch so zufrieden bin oder Änderungsbedarf sehe. Kann passieren. Es bleibt spannend. Ach, es ist schade, dass ich mit dem Schreiben fertig bin. Ich hätte noch wochenlang dort sitzen und weitermachen können!
Früh am Donnerstag geht’s erneut nach Frankfurt, wo der Sohn am Mittag den Termin für seinen kleinen Eingriff am Auge hat. Wir fahren mit der Straßenbahn hin und ich warte wieder im kleinen Park auf dem Uniklinikgelände. In der letzten Woche dauerte es eine Stunde und er kam unoperiert wieder raus. Es ist ein heißer Tag. In der Frankfurter Innenstadt werden 40,1 Grad gemessen. Auf einer der schattigen Bänke im Park ist es nicht ganz so heiß, aber es reicht, um es anstrengend zu machen. Genau in der Mittagszeit bei heißem Wetter im Park sitzen … puh. Manchmal weht ein kleiner Wind und dann habe ich das Gefühl, ein großer Heißluftfön pustet mich an.

Ich lese. Lange. Das spricht dafür, dass die OP läuft. Plötzlich sitzt ein winziges, flugfähiges und etwas skurriles Getier auf meiner Buchseite und wirkt sehr zutraulich. Es sieht aus wie ein minikleines Flugzeug in durchsichtiger Schutzverpackung. Huch, was ist das denn? Ein vergößertes Foto macht es deutlicher. Ich google und komme irgendwann auf eine Platanenspitzwanze. Stimmt vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Ihr filigranes Aussehen hatte mich auf einen hübscheren Namen hoffen lassen. Ich beobachte sie eine Weile, sie kommt mir aufgeschlossen und freundlich vor. Als ich weiterlese und umblättern möchte, puste ich sie erst an und stoße sie dann sanft über den Rand. Sie segelt auf den Boden, wo es ihr vermutlich besser gefällt, als platt zwischen zwei Buchseiten gepresst zu werden.

Zwischendurch sehe ich vom Buch auf und betrachte eine Skulptur in der Mitte des Parks. Aus der Entfernung überlege ich, was sie darstellen könnte. Ich tippe lange auf „Wildschwein“, dann denke ich plötzlich an ein menschliches Herz. Ja, das würde auch viel besser zu einer Uniklinik passen. Das Objekt wirkt etwas unförmig und trotzdem kompakt – wie ein Herz – und die vorhandenen Ausbuchtungen könnten ein angedeuteter Aortaanschluss und diverse Blutadern zeigen. Also entweder ein sehr lustiges Wildschwein oder – ich bin mir ziemlich sicher – ein Spenderherz.


Ich gehe bis zur Skulptur und lese: „Traum“. Oh. Ich weiß nicht, was andere träumen, so etwas habe ich noch nie geträumt. Im Internet lese ich, dass die Uniklinik sich über die Spende der Bildhauerin freut, die sich damit für eine Behandlung bedankt. „Das Kunstwerk kann hier zum Verweilen einladen, Trost spenden oder neue Perspektiven eröffnen.“ Ich muss zugeben, dass ich mit „Wildschwein“ und „Spenderherz“ wohl zu simpel denke. Generell habe ich Schwierigkeiten mit Kunst, die ich mir nicht erklären kann. Mein Fehler. Es gibt Leute, die können das und haben Freude daran. Ich finde die Skulptur durchaus interessant, kann mir aber nicht vorstellen, darin Trost zu finden oder neue Perspektiven zu sehen. Beim Titel „Traum“ bin ich dann ganz raus und verliere sogar mein Interesse. Damit gehe ich gar nicht gegen die Bildhauerin vor, die sich ganz bestimmt etwas dabei gedacht hat, das sie vermitteln möchte. Eventuell könnte sie aber manchmal jemanden brauchen der sagt: „Kannst du so machen, Mama, dann ist es aber … ein lustiges Wildschwein!“
Nach drei langen Stunden habe ich mein Buch fast ausgelesen und kann nicht mehr länger auf der inzwischen sehr unbequemen Bank sitzen. Außerdem merke ich, dass meine Körpertemperatur langsam ansteigt. Zum Glück kommt da der Sohn mit einem abgeklebten Auge, ansonsten aber munter heraus und wir machen uns auf den Rückweg. In der ebenfalls sehr heißen Straßenbahn schwitze ich plötzlich los und Schweißtropfen laufen mir in die Augen und brennen unangenehm. Es reicht jetzt, signalisiert mein Körper. Gut, dass wir schnell zurück in der kühlen Wohnung sind. Und noch besser, dass der Eingriff gut und komplikationslos verlaufen ist. Am Abend kann der Sohn das Auge schon wieder abdecken und alles sieht sehr gut aus.
Am nächsten Morgen gibt es türkisches Frühstück im Café um die Ecke. Spiegeleier, schwarzer Tee, Brötchen, Käse, Schafskäse und Oliven. Erst als ich alles aufgegessen habe, fällt mir auf, dass ich kein Foto gemacht habe. War sehr lecker.

Nach dem Mittag geht es zwei Stunden zurück und zuhause halte ich kurz bei der Dorf-Bäckerei. Für den nächsten Tag ist ein familiäres Treffen angesetzt und ich habe angekündigt, dass ich Teilchen mitbringe. Die sind von der Bäckerei, die es im Dorf seit 1925 gibt, sensationell gut. Die Teilchen sind immer frisch, nur die Bäckerei gibt es seit 100 Jahren. An diesem Freitagnachmittag ist bis auf einige Brötchen und rheinischen Apfelriemchenkuchen alles schon verkauft. Na, dann komme ich morgen früh vorbei. „Teilchen haben wir nur von Dienstag bis Freitag“, sagt die Dame hinter der Theke. Ach, wie traurig! Ich muss umplanen. Kurz denke ich darüber nach, ob ich endlich mal Plundergebäck selber mache, aber das ist mir mit den mehreren Bearbeitungs- und Ruhedurchgängen des Teiges gerade zu aufwändig. Momentan brauche ich keinen Stress und Zeitdruck. Also geht’s noch zum Supermarkt und den Abend verbringe ich dann mit dem Backen eines Kuchens, dem Schnippeln für einen Salat und dem anschließenden Spülen.
Am nächsten Morgen gieße ich schon früh. Das seit vielen Wochen oft heiße und extrem regenarme Wetter – hallo, Klimawandel – zwingt im Garten jetzt die ersten, eigentlich recht stabilen Bäume und Büsche in die Knie. Mit meinem täglichen Not-Gießen konnten sie es erstaunlich lange schaffen, aber jetzt geht es nicht mehr und sie gehen in den Herbstmodus. Auch die Weinpflanzen, die tiefe Wurzeln haben und sonst gut durch den Sommer kommen, wirken inzwischen schlapp und haben nur sehr kleine und harte Früchte. Wenn ich gießend durch den Garten gehe, registriere ich welche Pflanzen die größten Probleme haben und weiß, was ich nicht mehr nachpflanzen oder sogar entfernen und durch andere Pflanzen ersetzen werde. Es kann sein, dass der nächste Sommer wieder verregnet und kühler wird, und erst der danach wieder heiß. Aber die Tendenz ist, dass es immer heißer und immer trockener werden wird. Wenn es hier in absehbarer Zeit mal zehn sehr heiße und sehr trockene Sommer nacheinander gibt, bei denen die Temperaturen dann auch mal bis zu 50 Grad ansteigen können, war es das weitgehend mit unseren heimischen Pflanzen und dem Anbau von Obst und Gemüse. Es wäre jetzt gut, eine Regierung zu haben, die das erkennt und entschlossen daran arbeitet, dass umgedacht wird, dass erneuerbare Energien gefördert und Klimaziele erreicht werden. Stattdessen bremst und blockiert sie. Es ist nicht zu fassen. Und da wo die AfD ans Entscheiden kommen könnte, können wir es dann komplett vergessen. Allerdings nicht nur das Klima.

Am Nachmittag treffen wir uns zum Cousin-Cousinentreffen, jeweils mit angeheiratetem Partner, wobei ein Cousin und eine Cousine wegen zu großer Entfernung nicht dabei sind, stattdessen aber eine Nicht-Cousine, die nicht verwandt ist, für uns aber wie eine Cousine ist. Hört sich kompliziert an, ist für uns aber logisch. Viel mehr Fragen wirft für mich auf, ob ich auch „Kusine“ schreiben kann (ich glaube ja) und ob es dann „Kuseng“ heißt (ich glaube nein). Es gibt Kaffee und Kuchen, später Grillgut mit Beilagen und es ist ein schönes Zusammensein am großen Gartentisch. Zum ersten Mal sind bei allen die Eltern nicht mehr da und wir sind damit vom früheren „Kindertisch“ zur ältesten Generation aufgerückt.