Blog 961 – 27.11.2026 – Reichow, Purple, Planungen und Legenden
Lars Reichow spielt in Köln in der „Volksbühne am Rudolfplatz“, die bei mir immer noch „Millowitschtheater“ heißt. Oder auch: „Dieses Theater, in dem früher das Millowitsch war.“ Dass es außerdem an der Aachener Straße und nicht am Rudolfplatz steht, macht es für mich noch komplizierter. Egal. Zum ersten Mal ist der Gatte bei einem Lars-Reichow-Programm dabei, der auf mein „Komm doch mal mit, das wird dir gefallen!“, tatsächlich mal mitkommt. Ich vermute, er begleitet mich vor allem, weil ihm die politischen Aussagen von Lars Reichow gefallen.
Es ist das Boomer-Programm, das ich schon gesehen habe, aber Lars Reichow kann ich ja gar nicht zu oft hören. Ich mag, wie er erzählt, wie er mit der Sprache spielt, wie lustig er mit völlig ernsthafter Miene sein kann und ich schmelze weg, wenn er singt. Hach, diese Stimme! Zuhören, schmelzen, applaudieren, lachen, schmelzen, zustimmend nicken … ich genieße es sehr. Dem Gatten gefällt es zum Glück auch und bei einem Witz lacht er sogar laut auf und hat noch eine Weile grinsend Freude daran. Dabei geht der Witz gegen Männer.

Die politischen Aussagen von Lars Reichow finde ich wichtig und genau richtig. Kein Wunder, denn ich stimme da mit ihm überein. Als er klar gegen die AfD spricht, steht eine Frau vor mir auf und verlässt den Saal. Oha! Kurz darauf kommt sie gut gelaunt zurück und war anscheinend nur schnell auf der Toilette. Ui, man muss aufpassen, wann man den Saal verlässt, wenn man von mir nicht sofort ungerechtfertigt als AfD-Sympathisantin eingestuft und abgewertet werden will. Als ich merke, dass sie wohl doch keine AfD wählt, finde ich sie gleich wieder nett.
Weil ein Nachbar des Theaters geklagt hat, müssen die Veranstaltungen inzwischen um 22 Uhr beendet werden. Für ein Theater ist das ziemlich früh, darum fangen sie dort etwas früher an – was ich im Übrigen für eine gute Lösung halte. Auch Lars Reichow beendet sein Konzert pünktlich. Als wir danach auf die Straße treten, schallt uns ein ziemlicher Lärm entgegen, der von vorbeifahrenden Autos, vor allem aber von sehr vielen Menschen stammt, die vor den Restaurants an Tischen sitzen und sich laut unterhalten. Es ist ein normaler Dienstagabend, kein Wochenende. Warum muss das Theater konsequent leise sein, wenn es vorne auf der Straße auch nach 22 Uhr einen so hohen Lautstärkepegel gibt? Das kommt mir dann doch etwas schräg vor.
Mein Theaterstück erfordert vor dem Probenbeginn noch einiges an Vorarbeit. Ich formatiere das Textbuch, schreibe für jede Rolle eine kurze Charakterbeschreibung, erstelle Szenenlisten und notiere, wer in welcher Szene bei den Proben wichtig ist und wer da problemlos auch mal fehlen kann. Außerdem lege ich die Inhalte der ersten Proben fest und schreibe sie in den Probenplan, so dass auch die Mitspieler*innen schon planen können. Wer früh genug weiß, dass er/sie an einem Probeabend frei hat, kann sich für den Abend etwas anderes vornehmen.

Den Bühnenaufbau hatte ich schon beim Schreiben des Stückes im Kopf und mache jetzt für die Mitspieler eine grobe Skizze. Hier ein Sofa, dort ein Sessel, rechts hinten die Tür. Wobei die Position der Tür keine Überraschung ist, denn die ist auf der Bühne fest in die Wand eingebaut. Ich hoffe, meine Erinnerung ist richtig, dass das Türblatt in Richtung der Bühne aufgeht, denn das brauche ich unbedingt für eine der Spielszenen. Wenn nicht, muss ich mir da etwas anderes überlegen und die Szene umschreiben. Ein Theaterstück braucht viel Kreativität – aber eine gute Organisation kann das Proben effektiver machen. Allerdings kann die beste Organisation keine unzureichende Regiearbeit ausgleichen.

In knapp drei Wochen werden die Proben mit einem ersten gemeinsamen Lesen des Stücks beginnen. Beim „Casting“ gab es nur Teile aus der ersten Hälfte zu lesen. Im zweiten Teil wird die Handlung ziemlich anders und der Schluss ist auch etwas überraschend. Was da passiert, wissen meine Schauspieler*innen noch gar nicht. „Was ist“, fällt mir ein, „wenn die den zweiten Teil lesen und es bleibt erstmal ruhig und dann sagen sie zögernd: „Das soll das Stück sein?“ oder verwirrt: „Häh? Verstehe ich nicht“ oder skeptisch: „Willst du das tatsächlich so machen?“ Zum Glück fällt mir dann ebenfalls ein, dass mir das Stück gefällt und ich es für lustig und spannend halte, dass ich einige Erfahrung habe und dass – was mich am meisten beruhigt – Leute, die sich für richtig gut halten, auch wenn sie es nicht sind, meistens keine Zweifel an ihren Werken haben. Wer sein eigenes Können überschätzt, zweifelt nicht. Dementsprechend muss ich mit meinen zweifelnden Gedanken ganz schön gut sein. Als Plan B könnte ich mir überlegen, bei Nichtgefallen des Stückes in lautes Lachen auszubrechen und zu rufen: „Ha ha! Das war nur ein Scherz! Beim nächsten Mal bekommt ihr das RICHTIGE Stück! Ha ha!“ und habe dann eine Woche Zeit, etwas Neues zu schreiben.
Am Freitag hat Purple Schulz seinen 70. Geburtstag. Andere laden Familie und Freunde zum Kaffeetrinken ein, er feiert bei einem Konzert in der Kölner Kulturkirche. Sozusagen als Geburtstags-Edition. Es sind einige Gäste auf der Bühne dabei, und es ist schon ziemlich grandios, wenn die drei Legenden Purple Schulz, Tommy Engel und Stoppok gemeinsam „In uns’rem Veedel“ singen, das so etwas wie die Hymne Kölns und damit ebenfalls eine Legende ist. Wobei Purple und Tommy den Text singen und Stoppok Gitarre spielt und lächelt, weil er vermutlich den rheinisch gefärbten Text nicht auswendig kann.

Es ist ein schöner, sehr besonderer Abend! Im Finalbild: Norman Keil, Jördis Tielsch, Catt, Tommy Engel, Stoppok, Jürgen Fritz, Eri und Purple Schulz.

Nachdem ich in den letzten Jahren wegen der gesundheitlichen Situation meiner Eltern im kreativen Bereich immer weniger machen konnte, kommt jetzt alles zurück. In diesem Jahr habe ich das Theaterstück geschrieben, dessen Probearbeit bald losgeht, das Puppenstück liegt wartend bereit und möchte endlich geprobt werden und auch ein Kinderbuchprojekt – kein eigenes – geht in die Planung, bei dem ich ein Konzept mitüberlegen und das ich illustrieren soll. Im Schrank liegen wieder mehr Konzertkarten, ich bin wieder öfter unterwegs und in der nächsten Woche werde ich am Computer sitzen und an einem Bericht über das Purple-Geburtstagskonzert tippen. Zuhause stehen die vielen Kisten mit den Sachen meiner Eltern, die noch sortiert werden und einen Platz finden müssen und ich habe arbeitsintensive Gartenpläne. Tatsächlich muss ich schon etwas darauf achten, dass es nicht zu viel wird. Aber es macht auch Spaß, wieder so frei aktiv zu sein. In der nächsten Woche möchte ich eine Hauswand streichen. Eine hohe. Das wird etwas abenteuerlich werden. Allerdings werde ich die Ausführung abbrechen, sollte sich herausstellen, dass es mir ZU abenteuerlich wird. Ich habe schließlich noch anderes zu tun.