Grillplatz Teil 3

Regenrinne, bunter Pflastermix und Minusgrade

WOCHE 23 – Dezember 2005

Drei Sonntage lang gab es keinen Grillplatzbericht, weil ich zu wenig Zeit für ihn hatte und sich die mageren Ergebnisse nicht für wöchentliche Berichte gelohnt hätten. Aber jetzt geht’s wieder weiter: Warum nennt man Stecksysteme für Plastikregenrinnen ‘idiotensicher’? Weil ich beim Verkleben nur 30 Sekunden Zeit habe, bis der Kleber abbindet, und ich mich ganz ‘sicher’ wie ein ‘Idiot’ fühle, wenn die blöden Endstücke sich die ersten 20 Sekunden lang einfach nicht richtig zusammenstecken lassen wollen. Ich schwitze, jammer: “Los, los, mach schon!!”, und versuche fieberhaft ein Rinnenteil in das andere zu stecken, während ich beobachte, wie der Kleber abbindet und hell und matt wird. Zum Glück habe ich nur wenige Klebestellen an den vier Metern für die Laube, aber es bleibt bis zur letzten Sekunde spannend, ob ich die Teile rechtzeitig zusammengequetscht habe. Dann hängt sie endlich: Meine Regenrinne. Völlig unerwartet regnet es in der nächsten Nacht stark, und am nächsten Morgen eile ich besorgt zum Grillplatz, um nach der Rinne zu sehen. Sie hängt am vorgeschriebenen Platz, sammelt das vom schrägen Laubendach fließende Wasser perfekt ein und lässt es lustig aus dem seitlichen Rohr tropfen, unter dem die große Wassertonne steht. Ich bin so stolz auf die Regenrinne. Wie sie das macht! Zum ersten Mal an einem Dach und sofort weiß sie, was zu tun ist. Ich könnte ihr stundenlang dabei zusehen! Zum Glück habe ich keine Zeit dafür.

Zufällig finde ich ein paar Tage später einen Baum. Das hört sich ungewöhnlich an, passiert in meinem Garten aber hin und wieder und ist die Folge meiner Gartengestaltungs-Philosophie: “Ach, einfach mal wachsen lassen.” Diesmal finde ich ein großes Exemplar, als ich das Freigehege meiner Kleintiere unerwartet komplett renovieren muss und dabei die Büsche hinter dem halb zerfallenen Zaun auslichte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich die immergrüne Pflanze mal als mittelhohen Strauch eingesetzt habe, der angeblich groß werden sollte, aber jahrelang mittelklein blieb. Jetzt finde ich ihn plötzlich und er ist auf fast drei Meter in die Länge geschossen. Weil die Gewächse um ihn herum inzwischen so dicht standen, sah er wohl seine Chance in der Höhe, verzichtete auf seine unteren Zweige und wurde zum Baum. Sofort buddel ich ihn aus und setze ihn an meine Terrasse. Wunderbar! Genau so was muss da hin!

Danach bin ich erstmal zwei Wochen lang damit beschäftigt, meine Energie in das Kleintierfreigehege zu stecken, es großzügig zu umzäunen und überall mit Draht zu sichern, damit es sowohl ein- als auch ausbruchsicher ist. Also Marder sollen nicht rein, Kaninchen und Meerschweinchen nicht raus. Und vor allem Marder nicht rein und dann zusammen mit einem Meerschweinchen raus. Meine von den offenen Drahtenden blutig zerkratzen Arme und Hände sehen aus, als hätte ich mit jungen Tigern um das Essen gekämpft. Dass es sich nur um die Arbeit an einem Zaun für nette, freundliche Kaninchen und Meerschweinchen handelt, sieht man den Wunden nicht an. Zum Glück muss ich sowieso langärmelig rumlaufen, weil es kalt ist, das erspart mir Erklärungen. In diesen zwei Wochen hätte ich am Grillplatz einiges schaffen können, aber bei den Tieren ging es um Leben und Tod. Ist nur ein bisschen richtig, liest sich aber richtig gut.

Immerhin schaffe ich in meiner Berichtpause die Fertigstellung des Steinkreises und haue mit Vergnügen das letzte fehlende Puzzlestück ein. Geschafft! Die große Fläche ist fertig gepflastert und muss nur noch an den Rändern eventuell verbreitert und auf jeden Fall mit Beton befestigt werden. Auf Fotos sieht sie glatter als in der Realität aus. Ich überlege, ob ich sie fotografieren, 1:1 farbig ausdrucken und den laminierten Druck oben auf die Steine legen soll. Noch während ich überlege, erkenne ich den Schwachsinn in der Überlegung und verwerfe die Idee. Mein Drucker ist ja viel zu klein. “Du musst dich nicht so unter Wert verkaufen”, sagt Gerda S. als wir uns treffen und zeigt mir einen kurzen Bericht in einer Zeitschrift. “Der Engländer Richard L.”, lese ich, “zählt zu den berühmtesten Vertretern der ‘Land-Art’ und formt besonders gerne Steine zu Kreisen, die den faszinierten Betrachter zur Meditation einzuladen scheinen.” Sein Steinkreis hat eine verblüffende Ähnlichkeit mit meinem gepflasterten Kreis auf dem Grillplatz. Ich sollte einen Meditationsplatz eröffnen. “Meditation mit Grillwurst”. Das dann als ‘Land-Art’, oder auch ‘Land-Grill-Kunst’ bezeichnen, und ich komme mitsamt dem Grillplatz ins Museum.

Und was ich noch entdecke: Mein von der Mörder-Fräse zertrümmertes Gelenk an der rechten Fingerwurzel schmerzt, wenn sich Schnee ankündigt. Das Phänomen kenne ich sonst nur von älteren Leuten, bei denen sich das Knie oder die Schulter meldet, wenn das Wetter umschlägt. Werde ich jetzt alt oder habe ich ein hochsensibles Gelenk bekommen? Letzte Woche tat es mir zwei Tage lang ohne erkennbaren Grund weh und am nächsten Tag stand ich 8 Stunden lang im Schneestau bei Münster, während neben mir die Strommasten unter der weißen Pracht umkippten und vor mir Kiel lag, wo die Wise Guys auf meine Videos und meinen Arbeitseinsatz warteten. Anstatt am Abend vor dem Konzert war ich dann erst am Konzertmorgen da und konnte sofort mit den Vorbereitungen in der Halle beginnen. Das wäre ja was gewesen, wenn ich extra wegen der Videos vier Wochen lang nicht am Grillplatz gearbeitet hätte, um dann wegen des Schnees nicht rechtzeitig bis nach Kiel zu kommen! Aber den Schnee hat mein Mörder-Fräsen-Gelenk vorher gespürt! Vielleicht sagt es aber gar nicht den Schnee, sondern den Stau voraus!? Ich könnte dann ein prima Stauwarner werden. In den nächsten Wochen muss ich das unbedingt mal beobachten. Ansonsten ist nur die Regentonne voll gelaufen und da ich wetterbedingt nicht gießen muss, läuft sie ab jetzt über.

WOCHE 24 – Dezember 2005

So richtig in Schwung komme ich immer noch nicht. Das heißt, ich will gerne, aber ich schwinge wie blöd an anderen Orten herum und nicht sehr oft am Grillplatz. Es ist einfach zu viel anderes zu tun, das dringend ist und zu bestimmten Terminen fertig sein muss.

Immerhin setze ich die ersten Pflanzen und Büsche ein und versuche dabei zu berücksichtigen, wo später der Weg zum Grillplatz liegen wird und wo Platz für Pflanzen bleibt. Leider weiß ich ja selber noch nicht, wo ich den Weg mal hin baue, so dass ich auch überhaupt nicht sicher sein kann, ob ich die Pflanzen nicht alle nochmal umsetzen muss. Aber wenigstens sind sie aus den Töpfen raus und überstehen die Frostnächte besser. Außerdem sieht alles gleich viel fertiger aus. Meine schottische Ecke neben der Laube grabe ich sauber bis zum Rand, begradige sie, trete die Erde fest, bedecke sie mit Kies und Split, und beginne dann die holländischen Klinker als Boden zu verlegen. Ich freue mich noch, weil ich so viele Klinker dafür übrig habe, da fällt mir ein, dass ich ja auch noch viele für den Weg und eventuelle Stufen brauche. Mist. Völlig vergessen. Geschickterweise sollte ich zuerst mal die Klinker für den Weg raussuchen, ehe ich die übrigen verbrauche.

Aber wie viele brauche ich für den Weg? Und wo soll der eigentlich lang führen?? Soll er auf direktem Weg von der Ecke zum Platz führen, einen netten, malerischen Bogen machen oder mitten durch die frisch gesetzten Büsche gehen? Vermutlich sollte ich mir da möglichst schnell mal Gedanken drüber machen, aber ich habe tausend andere Dinge im Kopf und gerade keine Lust mich mit dem blöden Weg festzulegen. Ich ermahne mich, dass eine schnelle Entscheidung wichtig wäre, antworte mir aber: “Na und?” Daraufhin sage ich: “Dann mach doch was du willst!” und ich sage: “Mach ich auch.” War ja wieder klar. Nachdem die Laube während der Bauphase zwischendurch mal wie eine Bushaltestelle aussah, ändere ich ihren Charakter jetzt komplett, indem ich eine Spiegelkugel in der Mitte aufhänge. Es soll nicht die Dorfdisco werden, aber ich liebe es, wenn die Sonne darauf scheint und viele strahlende Punkte ihre Kreise in der Laube ziehen. Superschön! Da fällt es leicht die Kieseimer abzustellen und einfach nur auf die Holzdecke mit den flimmernden Sternchen zu blicken, die ununterbrochen vorüberziehen und flimmern und strahlen und flimmern und strahlen und flimmern und strahlen …

Auf dem Wasser der Regentonne hat sich eine Eisschicht gebildet. Ich könnte die Oberfläche jetzt jeden Monat fotografieren und im nächsten Jahr einen exklusiven Kunstkalender auf den Markt werfen: “Die Wassertonne im Wandel der Jahreszeiten”. Aber wer will sowas haben?

WOCHE 25 – Dezember 2005

Was mein Grillplatz in seiner unglaublichen Artenvielfalt von verschiedenen, vorwiegend krummen Pflastersteinen brauchen kann, ist eine ruhige, durchgehende Linie. Was mache ich? Ich verliebe mich im Baumarkt in eine Betonplatte mit einer Oberfläche aus vielen bunten Rheinkieseln. In gemäßigteren Formen habe ich so was schon gesehen, aber nicht in dieser wirren, lustigen Art. Nicht mal der Preis von 1,99 Euro pro Platte ist ein Gegenargument. Hier könnte nur der gute Geschmack entscheiden, aber die Liebe ist stärker.

Aber wo soll ich so eine einzelne Platte überhaupt noch im Pflastermix unterbringen, ohne das Bild komplett zu verschandeln? Die Terrassenflächen sind eigentlich fertig oder schon verplant. Vielleicht irgendwo auf dem Zugangsweg, von dem ich noch nicht weiß, wo er lang führen wird und wie er aussehen soll? Der braucht auf jeden Fall ein paar Stufen, um die Höhe bis zum Grillplatz auszugleichen, und irgendwie habe ich das Gefühl, dass da mittendrin eine Platte mit buntem Rheinkies hervorragend aussehen wird. Oder wenigstens nicht allzu sehr stört. Aber nur eine? Zwei, oder noch besser drei, damit sich das Muster irgendwie wiederholt. Kurzentschlossen packe ich vier Platten in den Wagen. Ich weiß, dass der Grat zwischen originellem Mustermix und geschmacklosem Zusammenwürfeln ganz schmal ist und die Rheinkiesplatten das Fass zum Überlaufen bringen könnten, aber gegen meine Freude bin ich machtlos. Wenn ich sie jetzt nicht holen würde, wären die wunderschön bunten Platten danach sicher für immer ausverkauft und ich würde ihnen mein Leben lang hinterher trauern. Bei jeder Grillwurst auf dem Teller hätte ich ihren lustigen Anblick vor Augen und Tränen würden auf den sowieso schon völlig pflasterdurchmixten Boden fallen. Das wäre ja nicht auszuhalten.

Als ich die vier Platten bis zum Grillplatz trage, merke ich, dass sie farblich und von ihrer ganzen Art her gar nicht so schlecht zum Basalt und den Klinkern passen. Vielleicht kauf ich doch noch mehr …? Gleichzeitig bringe ich aus dem Baumarkt einen 25kg-Sack Split mit, dessen Inhalt ich wegen der weißen Plastikumhüllung vorher nicht ansehen kann, der sich aber anfühlt, als wäre er anders als der, den ich bisher hatte. Aber nochmal Split in großer Menge mit dem Laster anliefern zu lassen, das lohnt sich nicht. Da schleppe ich lieber ein paar handliche Säcke nach Hause und teste das Angebot diverser Baumärkte durch. Und ich kaufe hitzebeständigen Mörtel, um demnächst mal die kaputte Mittelplatte des Grills zu reparieren. Sie war bei der Ankunft umgefallen und in Stücke gebrochen, was den weiteren Transport erleichterte, das Aufbauen und Benutzen des Grills jetzt aber verhindert. Wenn ich mal Zeit habe und es frostfrei ist, werde ich mich drum kümmern. Frostfrei ist es momentan fast immer, aber Zeit habe ich die nächsten Tage ganz sicher nicht übrig. Am Grillplatz beginne ich die Klinker zu sortieren und schon mal an ihre späteren Bauplätze zu verteilen. Die schönen Klinker kommen an den Rand der Terrasse, die mit den dicken Fehlern an die später nicht so gut sichtbaren Eckbereiche. Bei handgemachten Klinkern ist der Anteil handgemachter Fehler relativ groß, finde ich. Noch habe ich keine Ahnung, ob sich die tiefen Löcher und Risse, die sich manchmal in der Oberfläche befinden, im Winter mit Wasser füllen und in gefrorenem Zustand dann den Klinker sprengen, werde darüber aber im nächsten Jahr zuverlässig Auskunft geben können.

Aber wie viele Klinker brauche ich noch für den Weg? Seufzend sehe ich ein, dass ich wirklich bald entscheiden muss, wie und wohin ich den Weg baue und räume darum den Aufgang von den immer noch herumliegenden restlichen Basaltsteinen frei. Tja. Alles mit Treppenstufen gestalten, oder funktioniert auch ein schräg nach oben verlegter Weg, der gar keine Stufen hat? Am besten vielleicht eine Kombination aus Stufen, geraden Bereichen und schräg gepflasterten Stellen. Der bisher vorgetrampelte Arbeitsweg zeigt zwar die kürzeste Verbindung, soll aber so nicht bleiben. Ein bisschen malerischer darf’s schon sein. Ich habe aber keine Lust massenweise Beton zum Abstützen verwenden zu müssen, denn ich muss den erst säckeweise hochschleppen, dann eimerweise Wasser hinterher bringen und alles in Handarbeit anrühren. Und wer mal erlebt hat, wie erstaunlich wenig Beton übrig bleibt, wenn man zum voluminösen Pulver etwas Wasser gibt, wird meine niedrige Frustrationsschwelle verstehen. Gut, dass ich ohne den richtigen Split sowieso nicht weiter arbeiten kann und noch ein paar Tage Zeit für grüblerische Gedanken habe. Wenn ich dann zusammengesunken in einer Ecke hocke, vor mich hin starre und “Der Weg … was ist der richtige Weg?” murmle, wirkt das, als wäre ich auf der Suche nach meinem Lebensweg. Rücksichtsvoll und mit wissendem Blick werden die Umstehenden mich kurz ansehen und mir dann Zeit für die wichtige Entscheidung lassen. Tapfer und nur leise stöhnend werde ich die Krise grübelnd bewältigen. Ich will später ja nur irgendwie zum Grillplatz kommen, aber das muss ich ja nicht jedem erklären.

WOCHE 26 – Dezember 2005

In der ganzen Woche schaffe ich: – 8 weitere Betonplatten mit bunten Rheinkieseln im Baumarkt holen, – 50 kg Split bis in den Hof tragen, – 4 mal am Grillplatz nachsehen, ob noch alles steht, – 3 kleine Pflanzen aus den Töpfen nehmen und einpflanzen, – kurz überlegen wohin der Weg soll, aber keine zündende Idee bekommen. Aber ich habe in dieser Woche: – Wind, – Regen, – Konzerte und Konzertberichte, – Videovorbereitungen für das Wise Guys Konzert am 26.12., – Weihnachten, – Besuche, – dunkle Augenringe, – Pest, Krätze und Fieberwahn. OK, das mit Pest, Krätze und Fieberwahn habe ich gerade erfunden, damit es dramatischer wirkt, aber der Rest stimmt. Es sieht also immer noch wie Baustelle aus am Grillplatz:

Inspirierend, handgeklöppelt und zur Meditation herausfordernd immerhin der Steinkreis, der momentan in sich ruht und dabei auf den ersten Bodenfrost wartet.:

Und an allen Ecken noch die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung:

In der nächsten Woche, den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr, kann ich da schon mal kräftig loslegen. Wenn es nicht schneit. Ich bin mir jetzt auch nicht sicher, ob ich mir lieber Schnee wünschen soll und dann mal mit einem guten Buch und einer Tasse Tee auf dem Sofa hocken kann, anstatt mit kalten Fingern und roter Nase Steine durch die Gegend zu schleppen. Aber nein, draußen zu arbeiten macht Spaß und ich brauche dringend eine Muskelauffrischung. Bis dahin: Schöne Weihnachten! Ich habe mir übrigens zu Weihnachten keinen “fertigen Grillplatz” gewünscht. Einerseits macht es mir viel zu viel Spaß das selber zu machen, andererseits könnte der Bodenbelag noch krummer werden, wenn der komplette Platz jetzt durch einen Kamin gestopft würde, um unter dem Weihnachtsbaum zu liegen. Und da der Kamin im Haus ist, müsste ich nachher das ganze Zeug wieder auf den Berg hoch schleppen. Ich bin doch nicht blöd!

WOCHE 27 – Dezember 2005

Habe ich mir am letzten Sonntag Schnee gewünscht? Kaum habe ich nach den Weihnachtstagen wieder Zeit für den Grillplatz und will hinauseilen, beginnt es zu schneien. Und zwar pünktlich. Der Garten verschwindet schnell unter einer weißen Decke und sogar der Weg bis zum Grillplatz wird schwer passierbar. Da kann ich nicht effektiv arbeiten! Jetzt mit Eimern voller Kies hochzuwanken, wäre fast schon leichtsinnig, denn es ist wirklich rutschig.

Netterweise hält der Schnee tagelang an und zwingt mich dadurch geradezu auf das Sofa im warm geheizten Wohnzimmer. So kann ich das arbeitsreiche Jahr dann doch unerwartet sehr bequem beenden, habe einen echten Grund fürs Nichtstun und begebe mich nur mental an die weitere Gestaltung. Dass es in den nächsten Wochen mit starkem Elan weitergehen muss, ist aber klar, denn es ist noch viel zu tun und der Termin der Einweihungsparty steht. Im Juni wird es sein, wenn die Bäume wieder grün sind und die Chance auf warmes Wetter hoch ist. Bis dahin müssen alle Wege verlegt, der Kiesberg vor der Haustüre verschwunden, einige Holzstühle aus dem Sperrmüll gerettet, ganz viele Pflanzen aus dem unteren Garten in den oberen umgesetzt, der Grill repariert und aufgestellt und mein Buch “1000 leckere Grill-Ideen” durchgearbeitet sein. Kurz: Der Grillplatz muss bis dahin fertig sein und seine Einweihung erleben. Es bleibt also noch viel zu tun und die regelmäßigen Grillplatzberichte wird es auch 2006 noch eine Zeit lang geben. Vermutlich umso hektischer und informativer, je mehr es auf den Endtermin zugeht. Dass es in dieser Woche schon wieder keinen richtigen Bericht gab, lag am Wetter, das mich zur Pause gezwungen hat. – Ich liebe Schnee!!

WOCHE 28 – Januar 2006

Ist es nicht der Wahnsinn? Ich mache fünf Tage Urlaub, komme danach etwas übernächtigt zu Hause an und lege sofort pflichtbewusst mit der Arbeit am Grillplatz los. Das Wahnsinnige daran ist, dass ich am Morgen noch in New York bin, am Times Square einen Bagel mit Bacon and Egg frühstücke, anschließend in der 5th Avenue Bücher und dann bei Macy’s den letzten Weihnachtsbaum-Schmuck kaufe, ehe es am Nachmittag zum Flieger geht.

Dann fliegen, fliegen, fliegen, dabei lesen, lesen, lesen, bis ich nach deutscher Zeit am frühen Morgen ankomme und wenig später schon im Garten Kies schleppe. Eben noch am Broadway, jetzt schon auf der Baustelle. Andere machen das andersherum und werden berühmt.

Das Kiesschleppen und die frische Luft tun jedoch den müden Muskeln gut und helfen beim Wachbleiben, um nicht mitten am Tag erschöpft und gejetlagt ins Bett zu fallen. Außerdem muss es ja endlich mal wieder etwas für einen Bericht geben. Auf dem Foto sehe ich übrigens nur so fertig aus, weil es kalt ist und die blöden Kieseimer doch schwerer sind, als ich sie in Erinnerung habe. Ohne lange zu überlegen (bei meiner Müdigkeit hätte das wohl auch nicht viel gebracht), buddel ich am Aufgang herum und fange dort einfach an. Merke: “Einfach loslegen, die Ideen kommen von alleine.” Ich beginne mit dem oberen Teil des Weges, entferne Erde, trete Kies und Split fest, baue Stufen, lege Platten und stelle nach über zwei Stunden Arbeit fest, dass mein Werk zwar recht gut aussieht, aber völlig unbrauchbar ist.

Abgesehen von einem Versatz von 5 cm zwischen zwei Stufen, den ich irgendwie falsch bedacht hatte, weil ich da noch Split hinstreuen wollte, der da aber gar nicht hin darf, (ich war doch einige Stunden zu lang ohne Schlaf …) müsste ich alles mit Zement befestigen, den ich aber bei nächtlicher Frostgefahr im Januar nicht gut anbringen kann. Merke: “Gar nicht zu überlegen, kann eine Arbeit völlig sinnlos machen.” Kurzentschlossen werfe ich meine Handschuhe auf die Baustelle, beschließe keine Lust und dafür kalte Finger zu haben, gehe rein und fange am nächsten Tag nochmal an. Erstmal baue ich alles wieder zurück in den Ursprungszustand. Dann lasse ich in meinem neuen Spontan-Plan die Treppenstufen weg und bereite einen komplett schrägen Weg vor, der leicht gewunden bis auf die Höhe der Grillplatzterrasse gehen soll. “Follow the yellow brick road” (für die Kenner). Bei mir allerdings: “Follow the crazy mixed coloured road and be careful because of the Hubbel!” Irgendwie soll der Weg ein abwechslungsreicher Mix aus meinen großen Rheinkiesplatten, einigen Ziegelsteinen und kleinen Basaltsteinen werden. Vielleicht gibt es dann sogar in einigen Zwischenräumen kleine braune Steine, die ich beim Buddeln in meinem Garten immer wieder finde. Da müsste sich doch was mosaikähnliches in frischen Zement legen lassen, das nicht nur nett aussieht, sondern auch den Winkel des Weges in die richtige Richtung ändert. Weil: Nur mit viereckigen Platten schräg nach oben und dann auch noch gewunden um die Ecke, ist nicht so einfach. Geht schräg gewunden überhaupt? Ich frage mal lieber keinen Experten, denn ich befürchte, der sagt klar: Nein. Wenn er vor Lachen überhaupt klar sprechen kann. Wahrscheinlich röchelt er nur: Neiheihein, und schnappt nach Luft.

Den Weg nach oben buddel ich frohgemut und komplett nach Augenmaß etwas breiter als zwei Rheinkiesplatten breit sind. Sorgfältig fülle ich Kies und Split, klopfe fest und ziehe ab. Als ich die ersten beiden Platten lege, merke ich, dass etwas mit meinem Augenmaß nicht stimmt, denn der vorbereitete Weg ist zu schmal. Merke: “Lieber mal nachmessen, ehe man Kies und Split verteilt, festtritt und sorgfältig glättet und dann ziemlich blöd mit zu großen Platten davorsteht!” Mühsam verbreitere ich den Weg nachträglich, wobei natürlich immer wieder frische Erde auf den sorgfältig verteilten Split bröckelt und mein vorangegangenes Werk zerstört. Es macht übrigens viel mehr Arbeit vorsichtig neben dem Splitbett zu graben, als vorher sofort in einem Zug das ganze Stück in passender Breite zu glätten. Als alles wieder vorbereitet ist, lege ich unten die ersten beiden Rheinkiesplatten waagerecht an. Ab hier soll es dann nur noch schräg hochgehen und am Ende mit einer netten Kurve auf dem Niveau der Terrasse ankommen. Ich bin gespannt. Da habe ich mir ja was vorgenommen.

Interessant wäre es ja, wenn später die Erde rechts und links neben dem Weg mit hohem Bambus bewachsen wäre und man erst durch den kleinen Dschungel müsste, ehe die freie Terrasse erreicht wäre. Seit ich bei Paris mal auf einem schmalen Pfad durch den meterhohen Bambus-Garten von Monet (der mit den Seerosenbildern) gegangen bin, träume ich von einem Bambus-Wald. Wenn meine Besucher später aber immer auf dem schrägen, aus verschiedenen Steinsorten krumm gepflasterten Weg hinfallen und in den Bambus krachen, brechen da immer die Stängel um. Vielleicht doch besser Stiefmütterchen? Die sind nicht so empfindlich.

WOCHE 29 – Januar 2006

Bei Minusgraden Kies-Eimer den Berg hoch zu schleppen, während der Atem vor dem Gesicht zu einer weißen Fahne wird und das laute eigene Keuchen – peinliches Zeichen der Konditionslosigkeit – in der gefrorenen Stille kilometerweit zu hören ist, weckt nicht nur mein Mitleid, sondern auch meinen Abenteuergeist. Genauso würde ich mich jetzt fühlen, wenn ich alleine in der Arktis wäre und Schnee schleppen würde, um daraus das Iglu für den Abend zu bauen, in dem ich die Nacht überleben werde. Jetzt Schwäche zeigen und das Leben wäre bedroht. Ich kämpfe mich durch. Allein in der Arktis, nur mit zwei Eimern voller Schnee. Gnadenlose Phantasie kann auch schön sein. Ringsherum ist es so still, als wäre ich alleine auf der Welt. Nicht mal der Rasenmäher-Mann traut sich aus dem Haus. Warum auch, wenn kein Gras wächst? Mit zwei dicken, übereinander gezogenen Fleece-Pullis schütze ich mich vor der Kälte, was meinen Oberkörper in der Breite fast verdoppelt, dafür aber im Verhältnis die Beine in der Jeans recht schmal erscheinen lässt. So alleine und ohne Proportions-Vergleiche in der Landschaft stehend, sehen meine Beine dünn, lang und richtig gut aus. Sollte sich ein normal gebauter Mensch neben mich stellen, wirke ich wohl wie ein kleines, überbreites Hulk-Monster. Nur nicht so grün. Zum Glück verirrt sich niemand in meinen Garten und stellt sich neben mich. Eigentlich auch schade, denn darum muss ich die Eimer alleine schleppen.

Den Kies schütte ich auf den Zugangsweg zum Grillplatz, gebe Split darauf und verlege abwechselnd Platten und Granitsteine, um eine lockere Kurve den Berg hoch zu bekommen. So langsam nimmt der Weg Gestalt an und ist wirklich ziemlich schräg. Oh je. Ob das nicht ZU schräg ist und zu viel Gefälle hat? Heißt es, wenn es den Berg hoch geht, eigentlich auch Gefälle? Oder Anstieg? Aber ist ja eigentlich egal, ob man beim Auf- oder Abstieg stolpert, man FÄLLT ja immer, hat also Ge-Fälle. Oder Geh-Fälle, aber das führt jetzt zu weit. Egal wie es heißt, jetzt ist es zu spät. Ich habe den Entschluss gefasst einen schrägen Aufgang ohne Treppenstufen zu bauen und stelle mich mir nicht in den Weg.

In diesem Fall erweist es sich als Segen, dass ich nicht perfekt glatt pflastern kann, denn die eingefügten, leicht wellig verlegten Basaltsteine wirken später wahrscheinlich wie Bremsbeläge. Idealerweise kann man seinen Schwung beim Runtergehen an diesen Stellen ausbremsen. Unidealerweise stolpert man und fliegt den Rest des Weges ohne Bodenberührung weiter, bis man dann schwungvoll aufprallt. Wenn ich in den nächsten Wochen ernsthaft überlege ein Geländer zu bauen, um den Weg selber sicher zurücklegen zu können, habe ich den Grad der Schräge womöglich falsch eingeschätzt. Naja, ich teste mal bei der Einweihungsparty wie der Weg ankommt und wo seine Schwachstellen liegen. Wobei ich mit den “liegenden Schwachstellen” nicht die hingefallenen Gäste meine, die dann im Bambus liegen, der rechts und links vom Weg wächst.

Beim Betrachten des gepflasterten und mit Platten belegten Weges fällt mir auf, dass er wie eine der dicken Pappbahnen aussieht, die man beim Tapezieren zum Schutz des Bodens verwendet. Die entrollen sich gerne mal leicht und liegen dann locker auf dem Boden. Locker ausgerollt liegt auch mein Steinboden dort. Wie aus Pappe. Aus sehr dicker Pappe, aber optisch in der Konsistenz doch ähnlich. Vertrauenserweckend fest wirkt er nicht, eher wie eben mal hingeworfen. Boah, andere Künstler arbeiten jahrelang daran, dass schweres Material leicht und luftig wirkt, und mein gepflasterter Weg ist es ganz von alleine. Aber wer will auf einem luftigen Weg laufen, der sich jeden Augenblick wieder zusammenrollen kann? Es wird Mut dazu gehören, zu meinen Grillpartys zu kommen.

Leider wird die Arbeit am Weg durch die Kälte eingeschränkt. Nach einer Stunde bei Frosttemperaturen werden die Fingerspitzen und Zehen eiskalt und gefühllos. Wenn ich dann etwas später nicht mehr spüren kann, ob ich den Basaltstein noch in der Hand halte, oder ob er mir schon auf die Zehen geknallt ist, wird es höchste Zeit ins Haus zu humpeln und aufzutauen. Zum Glück bin ich ja nicht wirklich in der Arktis und muss lebenswichtige Iglus bauen, sondern kann ins warme Haus gehen, sobald ich nichts mehr spüre. In bodengefrostete Erde Steine mit dem Hammer zu hauen, ist sowieso kaum machbar. Im Split funktioniert das, aber richtig haue ich alles erst fest, wenn der Boden völlig aufgetaut ist.

Und jetzt: Psssst! Ich verrate das Geheimnis meiner unglaublichen Apfelerträge, die ich ab dem Frühjahr am Grillplatz haben werde. Ganzjährig. Am Pflaumenbaum! Ich habe einen Karton Äpfel gekauft, die sichtlich noch nicht reif sind und einige Unregelmäßigkeiten haben, die aber trotzdem erstaunlich lecker aussehen. Vor allem sehen sie echt aus, dabei sind sie aus Plastik. Ich werde sie im Frühjahr einfach an den Zweigen des Pflaumenbaumes festbinden und mich dann jahrelang daran erfreuen. Aber nicht weitersagen! Die meisten Leute, die mich besuchen, können Apfel- nicht von Pflaumenbäumen unterscheiden (ich übrigens auch nur in den Jahreszeiten, in denen Früchte an den Zweigen hängen), und da mein Pflaumenbaum bisher in jedem Sommer grüne Blätter, aber keine Pflaumen bekommt, wird es nicht weiter auffallen, wenn er voller Äpfel hängt. Ich werde mich im Glanze der Legenden um mich als Apfelanbauerin sonnen können und im ganzen Lande als Obstexpertin gelten. Vielleicht kaufe ich einen weiteren Karton, um den Ruhm zu verdoppeln. Oder wird das unglaubwürdig? Ähm, am besten einfach vergessen, was ich gerade geschrieben habe und wenn zufällig mal ein wundervoller Apfelbaum auf meinen Fotos auftaucht, grinsen und den Mund halten.

WOCHE 30 – Januar 2006

Die ganze Woche hindurch ist der Boden gefroren und es gibt gezwungenermaßen einen Kälte-Baustopp. Dabei muss ich dringend graben, um eine ebene Fläche am jetzigen Ende des Weges zu erhalten, von der aus es dann nach rechts auf den Grillplatz weitergehen soll. Aber festgefrorene Erde zu graben, ist total schwer. Ich könnte ja mal in der Zwischenzeit die letzten tausend Kilo Kies vom Bürgersteig nach oben schleppen, aber dazu ist es mir zu kalt. OK, im Sommer ist es mir dazu zu heiß, aber ich warte eben auf mittlere Temperaturen. Dann allerdings mache ich auch gerne wieder was anderes. Passend zur fast untätigen Woche bekomme ich das Buch “Weekend Gärtner. Wenig tun – viel genießen” geschenkt. (Danke, Wübke!) Danach muss man von November bis Januar sowieso nichts tun und im Februar warm eingepackt auf einer Liege liegen, den Garten betrachten und die Gestaltung planen. Ich bin hocherfreut. Zum einen beruhigt es mich, weil ich Gärten, in denen man länger arbeitet als sitzt, sowieso blöd finde, zum anderen hoffe ich, dass der Kies im März von alleine den Berg hoch rollt, wenn ich das im Februar vom Liegestuhl aus nur gut genug plane.

Um wenigstens etwas vorzubereiten, stapel ich die Klinkersteine um, die an der bisherigen Stelle im Weg liegen. Dabei stelle ich erstaunt fest, dass ich noch viel mehr Steine übrig habe, als ich dachte. So viele Quadratmeter kann ich ja gar nicht mehr legen! Irgendwie komme ich mir blöd vor. Da spare ich Klinkersteine, überlege genau, wo noch welche hin müssen, lege die vorsorglich zur Seite, und dann stehe ich plötzlich vor den ersten Rest-Stapeln und weiß nicht, wo die überhaupt noch verlegt werden sollen. Ein Teil von ihnen kommt ja noch auf den Platz der schottischen Ecke, aber das sind höchstens drei Quadratmeter, dann ist die voll. Aber – wenn ich noch so viele Klinker habe, wie wäre es mit einem schmalen Weg bis unter den Kirschbaum, wo es dann einen weiteren Sitzplatz geben könnte? Lauschig unter dem Blätterdach, von dichten Büschen umgeben? Bei heißem Sommerwetter traumhaft, bei Regenwetter mit Tropfwasser im Nacken. Mein Sohn plädiert dafür, dass ich ihm die Klinker überlasse, damit er einen Schmelzofen im Garten bauen kann, in dem er dann Eisenstücke aus dem Baumarkt schmilzt, aus denen er Pfeilspitzen und Schwerter schmiedet. Auch die bisher unverwendeten Basaltsteine muss ich erneut umräumen. Zum fünften Mal hebe ich jeden Stein einzeln auf und werfe ihn an den neuen Platz, um die alte Stelle frei zu bekommen. Was ich an Zeit und Kraft mit Umstapeln und Steinewerfen verwende, nur weil ich keinen Plan habe und spontan immer da bauen will, wo was liegt! Bei guter Organisation ginge das viel besser. Aber dann wäre es eben nicht von mir.

In der schottischen Ecke sind die importierten Pflanzen alle angewachsen und sie erinnert wirklich an karges, winterliches Hochland. Die kleine Eiche hat vorschriftsmäßig alle Blätter abgeworfen und sieht jetzt wie ein in den Boden gesteckter Ast aus. Nicht sehr spektakulär, aber vermutlich sehen auch in Schottland alle kleinen Eichen momentan so aus, so dass ich mir nicht viele Sorgen mache. Das Heidekraut und die Moose scheinen sich sehr wohl zu fühlen – für die müsste es wohl nie Sommer werden. Hoffentlich ertragen sie in kommenden heißen Sommerwochen auch die trockenen Füße, die sie da oben auf dem Hügel zwangsläufig bekommen werden. Für die nächste Woche ist eine minusgradige Kältewelle angekündigt. Ich bin gespannt, ob ich mehr schaffe als die restlichen Klinker zu stapeln.


Teil 4 – Woche 31-40 – Frosttage und Aufgang mit Gefälle

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