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Blog 962 – 04.10.2026 – Konzepte, Fenster, Farbe und Sturzsicherung

Am Sonntag fahre ich mit dem Gatten zusammen erneut nach Frankfurt, wo der Sohn in der Dernière von Ibsens „A Doll’s house“ spielt. Die möchten wir gerne noch ansehen, ehe das Stück schon wieder vom Spielplan ist. Wir merken sofort, dass seit der Première alles deutlich lebendiger geworden ist. Die bewegungs- und emotionsgebremste Inszenierung schränkt allerdings weiterhin ein, was sehr schade ist. Immer wieder denke ich: „Warum guckt sie ihn nicht an?“ oder: „Warum umarmt er sie jetzt nicht?“, weiß aber, dass die Regie da ein ganz eigenes Konzept hat. Aber wenn so ein Konzept ohne viel Erfahrung und aus der Theorie heraus gestaltet wird, funktioniert es eben nicht immer. Darum hat das Publikum am Ende weiterhin mehr Mitgefühl mit dem verlassenen Mann als mit der mutigen Frau, was überhaupt nicht der Sinn des Stücks ist. Da der Mann aber mein Sohn ist und trotz der äußeren Einschränkungen sensibel und berührend spielt, finde ich es nicht schlecht.

Beim Rausgehen unterhalten sich zwei junge Männer und einer sagt: „Hammer! Am Ende liefen bei mir die Tränen.“ Er meint vor allem den Mann, der auf der Bühne so tieftraurig war und alleingelassen wurde. Das passiert, wenn junge Frauen sehr emanzipatorisch denken und aus der „Nora Helmer“, die am Ende mit Angst und großer Unsicherheit, aber mit der Erkenntnis, dass sie nur so eine eigene Identität finden kann, ihr Heim verlässt, eine kühle Geschäftsfrau machen, die zackig und mit hoch erhobenem Kopf geht, ohne auf die Bitten und Angebote ihres Mannes überhaupt noch einzugehen. Stärke und Emanzipation ist nicht, wenn man ungerührt andere Menschen stehenlässt. Aber als Fazit: Es ist trotzdem ein gutes Stück rausgekommen, was vor allem am Einsatz und inneren Feuer der Darstellenden liegt, während die Inszenierung noch etwas Luft nach oben hat.

Wir übernachten beim Sohn, frühstücken am nächsten Morgen wieder sehr gut in der Sonne vor dem türkischen Café – Urlaubsgefühl! -, dann geht es zurück.


Zuhause habe ich das Streichen einer Hauswand vor. Das ist eine etwas wahnsinnige Idee. Das Haus hatte ursprünglich eine gelbe Fassadenfarbe mit einem Stich ins Grünliche. Gut gefallen hat mir das nie. Bei drei Hauswänden ist die alte gelbe Farbe schon lange mit hellem Grau überstrichen, bei der vierten Wand ist das nicht so einfach, denn wegen einer Kellertreppe und eines Anbaus ist es kaum möglich, lange Leitern oder ein Gerüst aufzubauen. Vor wenigen Wochen kam mir plötzlich die Idee, die Fassade durch die Fensteröffnungen zu streichen. Ich habe keine Ahnung, ob das klappt, aber ich will es probieren. Mein Vorteil: Es ist die Hausrückwand, die nur vom Garten aus zu sehen ist. Darum werden nur private Besucher später mein Anstreichergebnis sehen können und vielleicht mit Lachanfällen zusammenklappen.

Gedacht, getan – ich kaufe Verlängerungen für Pinsel und Rollen und einen Sicherungsgurt, den ich innen mit einem Seil befestigen kann, damit ich nicht beim Rausbeugen aus dem Fenster versehentlich abstürze. Hilflos wie ein dicker Käfer im Sicherungsgurt halb aus dem Fenster zu hängen oder an der Fassade zu baumeln, wäre zwar ebenfalls peinlich, im Zweifelsfall aber die bessere Lösung. Aber komme ich mit den verlängerten Pinseln und Rollen überhaupt bis zu allen Kanten? Ich fange an, kann von meiner Fensterposition aus nur wenig sehen, aber der im Hof stehende Gatte gibt wertvolle Tipps: „Noch etwas weiter rechts – ja – noch ein Stückchen, ja, und jetzt gut verrollen!“ Außerdem sichert er mich innen zusätzlich ab, als ich mich, rücklings auf dem Fensterbrett sitzend, nach draußen lehnen, mit beiden Händen den Rollenstiel fassen und weit über mir streichen muss. Ich hatte mal Höhenangst und habe lange daran arbeiten müssen, mich Stück für Stück wieder mehr zu trauen. Dass ich jetzt aus dem Fenster lehne – zwar vorsichtig und gesichert -, aber dabei keine zitternden Knie oder seltsame Magengefühle habe, sondern mich ziemlich normal fühle, ist super. Der Gatte macht währenddessen Witze wie: „Ich weiß auch nicht, wie meine Frau beim Fallen noch beide Karabinerhaken lösen konnte.“ Weil er so witzig ist, habe ich ihn geheiratet.

Das Streichen und Rollen mit den Verlängerungen klappt ganz gut, macht aber wenig Spaß. Sehr wenig. Es ist vor allem sehr anstrengend. Meine Bauchmuskeln, die sonst immer nur chillen und jede Aufregung vermeiden, werden plötzlich voll gefordert und müssen eine Drei-Meter-Verlängerung mit schwerer Farbrolle balancieren und stabilisieren. Puh! Abenteuerlich ist es auch, die Rolle an dem riesigen Stab irgendwie wieder durch das Fenster nach innen zu bekommen und dort in den Farbeimer zu tunken, ehe ich sie umständlich und gegen die Zimmerdecke und alle möglichen Einrichtungsgegenstände stoßend, wieder nach draußen bugsiere. Wenn ich nicht schon wahnsinnig wäre, würde ich es jetzt werden. Aber so ändert sich nicht viel.

Am nächsten Tag regnet es stark, was mir eine Pause verschafft. Danach ist es wieder sonnig und es erfolgt der zweite Anstrich, der sogar noch anstrengender als der erste ist. Die Muskeln haben gar keine Lust mehr, und was am ersten Tag noch Ausprobieren und „Komm ich da überhaupt hin?“ war, ist jetzt der finale Anstrich, der möglichst sauber werden soll. Dabei bin ich von einem perfekten Ergebnis weit entfernt, denn das ist mit dem mühevollen Querstreichen gar nicht möglich.

Trotzdem sieht die Fassade nach dem Trocknen erstaunlich gut und so viel besser als vorher aus und ich bin sehr froh, dass ich es gewagt habe. Das trübe Gelb ist endlich weg, die Wand sieht frisch und sauber aus. Die hellen Farbkleckse, die wir jetzt auf dem Boden im Hof haben, von Farbe, die beim Balancieren des langen Farbstiels getropft ist, sehen ein bisschen blöd aus, aber ich bezeichne sie einfach als lustige Sommersprossen und hoffe, dass sie nach dem Winter verblasst sind. Und dass sich die Farbrolle mal unerwartet vom Stab löste und eine Dachpfanne des Anbaus durchschlug – ach, besser als wenn ich es gewesen wäre. Das hätte weit mehr Dachpfannen gefordert.

Am dritten Tag putzt der Gatte die Farbkleckser von den Fensterrahmen, die ich beim Ein- und Ausfädeln der Streichutensilien verursacht habe, danach streiche ich die Fensterstürze hellgrau und die Fensterbretter anthrazit. Boah! Seit vielen Jahren überlege ich, wie wir die rückwärtige Fassade streichen können, wo doch kein Gerüst und keine Leitern hinpassen, und jetzt streiche ich einfach durch die Fensteröffnungen hindurch und bin in drei Tagen fertig. Die Idee hätte mir auch vor zehn Jahren schon kommen können! Ich sag mal so: Für die ungewöhnliche Arbeitsweise sieht das Ergebnis erstaunlich gut. Ich bin damit sehr zufrieden. Ein Malermeister – oder eine Malermeisterin – würde wohl amüsiert grinsen.

Als ich im Garten stehe und ein Foto von der neu gestrichenen Hauswand mache, denke ich sofort: „Das Foto muss ich Papa zeigen! Das findet der gut.“ Mein zweiter Gedanke ist, dass es ja keinen Papa mehr gibt. Meistens weiß ich das, aber manchmal kommt noch ein kurzer Impuls, der schneller da ist, als ich denken kann. In dem Moment sehe ich, dass die Rose blüht, die aus den Wurzeln des alten, morschen Rosenstammes gewachsen ist, der viele Jahre im Vorgarten meiner Eltern stand. Die Rose, bei der mein Papa nach jedem brutalen Zurückschneiden sagte: „Die kommt schon wieder!“ Und sie blüht auch schon wieder.


Während ich tagsüber an der Fassade streiche, schreibe ich abends am Bericht über das Geburtstagskonzert von Purple. Gegen Ende der Woche bin ich auch damit fertig und kann ich ihn bei reihedrei.de einstellen. Eine Erkenntnis ist – außer dass Purple überhaupt nicht wie 70 wirkt und das Konzert sehr klasse war – wenn auf jemand die Bezeichnung „Coolness“ zutrifft, dann auf Stoppok. Vermutlich wurde das Wort in dem Moment erfunden, als er irgendwo auftauchte.


Für das angedachte und in der ersten Planungsphase befindliche Kinderbuchprojekt bekomme ich einige Seiten mit einem Text in Frakturschrift. Der ist mehr als 120 Jahre alt und hat dementsprechend eine heute veraltete Ausdrucksweise. Ich mag so etwas und finde es höchst interessant, werde daran aber etwas länger lesen, denn ich muss mich auf die Inhalte konzentrieren. Meistens kommen mir sofort Ideen, was sich daraus umsetzen ließe. Noch weiß ich aber nicht mal, für welche Altersgruppe und wie umfangreich es werden soll. 16 Seiten mit 20 Illustrationen bekomme ich gut hin, wenn es viel aufwändiger würde, muss ich darauf achten, dass es nicht mit meinem Theaterstück zusammenfällt. Aber so weit bin ich noch nicht. Vor einem ersten Konzept, mit dem wir überlegen können, liegt das Lesen.