Blog 963 – 11.10.2026 – Friedhöfe, Stop-Motion, Tempeh und La Signora
Es ist erst für „demnächst“ geplant, aber als ich am Montag in den Hof gehe, sehe ich neben der Kellertreppe die noch grünlich bemalte Wand und darüber die frisch gestrichene Fassade. Spontan hole ich Klebeband und Rolle und streiche den unteren Teil mit Sockelfarbe. Die Überlegung: „Wird das vielleicht zu dunkel?“, beantworte ich vor dem Streichen mit: „Nein.“

Nach dem Streichen finde ich das immer noch. Es gefällt mir gut. Nur die farbbefleckte Betontreppe passt nun nicht mehr ins Bild, aber da habe ich gerade keine Idee, außer auf das Frühjahr zu warten.

An einem Nachmittag mache ich einen Besuch bei einer älteren Dame (90), mit der ich vorher schon ausmache, dass ich gemeinsam mit ihr zum Friedhof fahre, wo ihr Mann liegt. Sie läuft gerade nicht so gut und wir fahren in wenigen Minuten mit dem Auto bis zum örtlichen Friedhof. Ich weiß, dass das Grab zwei bis drei Laufminuten vom Eingang entfernt liegt. Meine Laufminuten. Sie geht am Stock und sagt bei den ersten Schritten auf dem Friedhof: „Das dauert jetzt zwanzig Minuten bis zum Grab.“ Ich lächle etwas, denn zwanzig Minuten sind schon ziemlich übertrieben. Aber sie hat recht. Wir brauchen in ihren kleinen, vorsichtigen Schritten zwanzig Minuten bis hin, bleiben etwa 15 Minuten dort, sitzen etwas auf der Bank und gehen fast zwanzig Minuten wieder zum Auto zurück. Die totale Entschleunigung. Aber es geht eben nicht schneller. Da ich am Vormittag genug getan und jetzt Zeit habe, passt das schon. Aber einen Hauch von Comedy oder „Verstehen Sie Spaß?“ hat es, wie ich so langsam wie in einem Stop-Motion-Knetmännchen-Projekt Schritt für Schritt meine Haltung leicht ändere, um ein Einzel-Standbild der Position machen zu lassen. Aus denen wird später eine Sequenz, in der wir in einem 10-Sekunden-Blitz-Lauf über den Friedhof flitzen.

Danach trinken wir bei ihr noch Tee, es gibt ein bisschen Kuchen und wir unterhalten uns. Seitdem ich mitbekommen habe, wie alleine und von der Welt abgeschnitten sich mein besuchsfreudiger und kommunikativer Vater im hohen Alter fühlte, weil er nirgendwo mehr hinkam und auch die meisten seiner Bekannten zu krank oder auch schon gestorben waren, weiß ich, wie froh alleinwohnende Leute über einen kleinen Besuch sind.
Zwei Tage später grabe ich in meinem Vorgarten einige Kokardenblumen aus, fahre sie zu einem anderen Friedhof und setze sie ins Grab meiner Großeltern. Die Kokardenblumen sind so anspruchslos, dass sie in meinem trockenen Vorgarten nicht nur überleben, sondern sich auch munter verbreiten. Das ist perfekt für ein Grab, das nur hin und wieder gegossen wird. Noch sehen sie etwas zerrupft aus, aber schon jetzt bringen sie einen hübschen Farbfleck in die ansonsten eher magere, dauergrüne Bepflanzung.

Die Grabstelle wurde vor mehr als fünfzig Jahren belegt und war damals eine von vielen in einer sehr langen Reihe. Jetzt ist sie eine der letzten, fast wie vergessen und schon von Natur umgeben. Meine Eltern haben das Grab damals pflegeleicht bepflanzt und sich darum gekümmert, aber in den letzten Jahren bin ich es nur noch, die ab und zu hinfährt, gießt, Unkraut entfernt und Pflanzen zurückschneidet. Das konnte ich nebenbei machen, als ich sowieso zu meinem Vater fuhr, inzwischen muss ich dafür extra hinfahren. Die Laufzeit … nein, es heißt Liegezeit, glaube ich, und das wäre auch logisch, denn die Einzige, die noch läuft, bin ich, beträgt noch etwa zwei Jahre. Das wird aber auch seltsam sein, wenn es dann mal abgebaut wird.

In der nächsten Woche beginnen die Proben zu „Die Folgen des Erfolgs“ mit einem ersten gemeinsamen Lesen des gesamten Stücks. Ein letztes Mal gehe ich das Textbuch durch und ändere sogar noch mal einige Kleinigkeiten. Letzte Chance. Es kann natürlich auch während der Probenzeit noch Textänderungen geben, aber ich versuche immer, die so gering wie möglich zu halten. Dann drucke ich meine Regieversion – einseitig mit Platz für viele Notizen – und die Texthefte für die Mitspielenden – doppelseitig – aus. Normalerweise hätte ich die Textdatei per Mail geschickt und sie hätten alle selber ausgedruckt. Aber ich möchte den zweiten Teil ja als Überraschung haben, so dass wir alle zusammen das Erlebnis haben, das komplette Stück gleichzeitig kennenzulernen. Außer mir natürlich, denn ich kenne es ja. Und darum loche und hefte ich einen kleinen Stapel Texthefte und bin vorbereitet für den ersten Probetermin.

„Apetito Catering“ macht hin und wieder live Kochkurse im Internet, die alle auch bei Facebook nachzusehen sind. Der Sohn und ich kochen gerne mit – gleichzeitig, an verschiedenen Orten, mit gemeinsamer Unterhaltung und Kommentierung über die Handys. Das ist sehr lustig und fast wie gemeinsam in der Küche zu stehen. „Sind deine Zwiebeln schon angebräunt?“ „Dunkelbraun, ich hole sie jetzt raus.“ Nachdem die ersten Folgen mit sehr raffinierten, tollen Essen von zwei Köchen gezeigt wurden, die ständig parallel arbeiteten, so dass man als Einzelkochender gar nicht mitkam, wurde deutlich abgebremst. Die nächste Folge war so langsam, dass wir uns während des Kochens langweilten. Auch das Essen war uns in der Folge zu „normal“. Jetzt haben sie sich recht gut eingependelt.
Das neue Gericht: Mienudeln mit Tempeh und Erdnüssen. Tempeh kannten wir bis dahin gar nicht. Das sind fermatierte Hülsenfrüchte im Block, meistens Sojabohnen, in Indonesien eine traditionelle Zutat. Als wir „Tempeh“ im Rezept lasen, suchten wir erst länger, nur in manchen REWE und großen Edeka gab es ihn. Seltsamerweise tauchte er kurz danach aber fast überall auf und erobert gerade die Kühltheken der Supermärkte. Natürlich holten wir uns schon vor dem Kochtermin Tempeh und probierten ihn aus. Frisch ausgepackt sieht er wie eine Packung Erdnüsse aus.

Er ist vegan und gesund, ist fester und sättigender als Tofu und wird gewürzt und angebraten. Mein Tipp: Schmale Scheiben schneiden, die werden in der Konsistenz schöner und sind geschmackvoller als dicke Würfel, weil die äußere Würzung nicht ins Innere einzieht. Noch ein Tipp: Wer schon Tofu nicht mag, muss es nicht probieren. Da der Gatte wenig Fleisch isst und stattdessen vegetarische Alternativen mag, ist es bei uns genau richtig. Für das Rezept ist „Tempeh natur“ angesagt, mein Favorit ist ansonsten aber „Berglinsen-Tempeh“, der Sohn findet „Teriyaki-Tempeh“ besonders gut, dem Gatten schmecken alle. Im angegebenen Gericht gibt es als Tempeh-Alternative „Hähnchenfilet“, aber ich bleibe beim Tempeh. Das gleichzeitige Kochen mit Telefonverbindung und Kommentaren macht wieder viel Spaß und das fertige Essen schmeckt sehr gut.

Am Samstagabend sehe ich Camela de Feo als „La Signora“ an. Ich habe im Fernsehen schon kleine Ausschnitte der rabiaten Ruhrpott-Italienerin mit dem in die Stirn gezogenen Haarnetz gesehen, war aber noch nie im Programm. Das Programm heißt „Froschkönigin“, „La Signora“ ist der Hammer und ich lache fast durchgehend. Wenn ich nicht gerade lache, gucke ich gebannt auf die Bühne. Sie hat dort nur einen Stuhl und ein Akkordeon, den Rest wuppt sie alleine. Sehr faszinierend ist, dass sie improvisierend und auf Publikumszurufe eingehend genauso witzig und schnell wie im Programmablauf ist. Ich könnte sie auch zwei Stunden lang nur in Interaktion mit dem Publikum ansehen und hätte großen Spaß. Sehr klasse.
