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Blog 964 – 18.10.2026 – Sachgruppen, erste Probe und entspannte Flashbacks

Für das angedachte Kinderbuchprojekt lese ich den zugeschickten Text mit den Jugenderinnerungen der Hauptfigur und mache mir erste Gedanken zur Umsetzung. Aber noch nicht so viele, denn zuerst müssen wir überlegen, was das Ziel des Buches sein soll und für welche Altersgruppe es gemacht wird. Und ob wir den Originaltext modernisieren oder es sprachlich ganz anders aufbereiten, ob es mehr um Fakten oder um Emotionen geht. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich könnte mir schon einiges vorstellen. Aber mal abwarten, was bei den Überlegungen rauskommt.


In mehreren Zimmern stehen immer noch Kisten, die vom Leerräumen des Hauses meiner Eltern bei mir gelandet sind. Ich habe einfach keine Zeit, jetzt sofort Fotos und Dias, Fotoalben, Briefe, Postkartenstapel, die vielen Ordner und die Unterlagen zur Ahnenforschung durchzusehen. Aber ich räume tatkräftig um, ordne nach Sachgruppen in Kisten, die ich beschrifte und in nur noch einem Zimmer übereinander staple. Dieses Zimmer werde ich vorerst nur noch eingeschränkt nutzen können, aber der Rest der Wohnung wird bald wieder viel besser aussehen. Wie viele schriftliche Unterlagen ich schon aussortiert und entsorgt habe, sehe ich an den mehr als 20 leeren Aktenordnern. Die nehmen ebenfalls Platz weg, aber ich bewahre sie erstmal auf, um beim späteren Sortieren der restlichen Aktenordnerinhalte besser sortieren zu können. Es ist ein Wahnsinn und der wird mich noch eine lange Zeit begleiten.

Beim Umstapeln der Schallplatten, kann ich die ersten rausnehmen und wegwerfen. Die mit ungarischer Musik aus der Puszta (Urlaubsmitbringsel), die Küchenlieder, gesungen vom Damenchor Klein-Hinterwald, mehrere Weihnachtsliedersammlungen und No-Name Klassikaufnahmen. Für mich überraschend finde ich auf einer Schallplatte, die ich selbstverständlich meiner Mutter zugeordnet hatte, einen Stempel von meinem Opa. Dann sind vermutlich die Platten in dieser Kiste schon von meinem Opa auf meine Mutter übergegangen und sie hat sie vermutlich selber nur aufbewahrt und nie gehört. Ein Grund mehr, gut auszusortieren, damit ich später nicht alles ungehört an meine Söhne weitergebe. Ob sich für Plattenaufnahmen, bei denen Karajan oder Kurt Masur dirigieren, noch jemand interessiert, weiß ich nicht, werde mich da vor dem Wegwerfen aber erkundigen. Wenn nicht, müssen sie in den Müll. Die Kisten müssen irgendwann ja mal weniger werden.


Am Bericht über den Auftritt von Carmela de Feo als „La Signora“ sitze ich etwas länger. Diese Frau ist so wandelbar, überraschend und schnell, dass es schwierig ist, die situationsbedingte Komik ihrer Auftritte passend zu erzählen. Es sind nicht allein die lustigen Sachen, die sie sagt, es ist ihr Gesichtsausdruck, das Tempo, die hochgezogene Augenbraue, und es sind die Improvisationen, die Tänze und die Pöbeleien. Sie ist auf der Bühne ein schwer zu erfassendes Gesamtpaket, das viel Spaß macht. Schließlich entscheide ich, dass er fertig ist und setze ihn auf reihedrei.


Dann ist es endlich soweit: Wir treffen uns zur ersten Probe für „Die Folgen des Erfolgs“. Ich freue mich sehr. Neun Darstellende, eine Textfee, ein Techniker und die Regisseurin (ich) sitzen im Stuhlkreis und lesen das Stück zum ersten Mal komplett. Also die Darstellenden lesen ihre Rollen, die anderen hören zu. Die einzige, die das Stück bis zum Schluss komplett kennt, bin ich. Auch wenn Betonungen und Tempo manchmal noch nicht ganz stimmen, sind alle mit Einsatz dabei und setzen ihre Stimmen passend sanft, laut, fröhlich oder aggressiv ein. Es wird schon jetzt an einigen Stellen vergnügt gelacht. Hach, das wird gut! Das Team gefällt mir sowieso sehr. Alle sind freundlich, positiv und lachbereit, setzen sich ein und werden ihre Rollen mit Leben und Persönlichkeit füllen. Nach dem ersten Lesen kommt auch keine einzige Mail mit: „Ich habe mir das überlegt und will doch nicht mehr“, „Ist das schon das Stück oder nur die erste Idee?“ oder „Sorry, ich bin raus!“ bei mir an. Das ist doch schon ein guter Beginn!


In der Kölner Johanneskirche gab es früher ein Mal im Jahr ein Konzert der Wise Guys, dessen Nachfeiern im Untergeschoß – mit selbstgebranntem Schnaps vom Küster – legendär waren. Jetzt macht Eddi (früherer Wise Guy) in der Johanneskirche ein Konzert und hat als Gäste Sari (früherer Wise Guy) und Clemens (früherer Wise Guy). Drei von fünf Guys der Urbesetzung zusammen auf der Bühne! Auch wenn das nur ein Teil des Konzertes sein wird, da möchte ich dabei sein.

Es ist ein Abend mit Erinnerungen. Eddi singt viele sanfte Lieder von Zeit nehmen, sich finden und Freiheit, und mir wird klar, dass ich das alles gerade wieder habe. Das führt zu seltsamen Situationen, in denen Eddi davon singt, zu atmen und runterzukommen, und ich spontan denke: „Wie weit denn noch? Ich bin doch total entspannt und habe nur noch einen Blutdruck von Vier.“ Mir ist klar, dass es „Vier“ als Blutdruckwert nicht gibt, aber meine Hirnzellen empfinden das eben so. Ich bin momentan aus dem Stress, dem Zeitdruck und der Fremdbestimmung raus und darum gar nicht mehr die Zielgruppe fürs Runterkommen und Mittefinden. Dass mir das während des Konzertes so klar wird, ist aber auch schön, und Entspannung schadet nicht. Eddi, Sari und Clemens einzeln und zusammen machen mir natürlich große Freude und bringen Flashbacks. Es ist nicht zu glauben, dass ich vor 25 Jahren – 25 Jahren! – schon einen Konzertbericht über die Wise Guys in der Johanneskirche geschrieben habe. Es ist alles noch so präsent. Und noch vor 20 Jahren hatte ich so viel mit und wegen ihnen zu tun, war so viel unterwegs, hatte viel Stress, aber auch ganz viel Spaß – da wäre mir Eddis Vorschlag „Luft holen und runterkommen“ wie aus einer anderen Welt vorgekommen.

So freut es mich sehr, sie wieder zu sehen, ich habe einen schönen Abend mit Musik und Wise Guys Flashbacks, merke aber auch, dass ich inzwischen ein anderes Leben habe und die Wise Guys zu „früher“ gehören. Sie werden immer ein wichtiger und emotionaler Teil meines Lebens sein, ich werde freudig zu diversen Arten von eventuellen Wise Guys-Revival-Konzerten hüpfen und voller Liebe sein, aber die damalige Zeit ist in einen herzchengeschmückten Karton gepackt, mit „Wise Guys“ beschriftet und abgestellt. Und das ist für mich völlig OK. Ähm, ehrlich gesagt, ist meine Wise Guys Zeit – vor allem wegen der sehr vielen Videoaufnahmen, die damals noch auf Kassetten gespeichert wurden – in recht vielen Kartons untergebracht, die ziemlich viel Platz wegnehmen. Aber auch das ist OK. Ich fahre gut gelaunt nach Hause und bin weiterhin gelassen.