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Blog 811 – 12.11.2023 – Herbst, Salamanca und das Heiz-Experiment

Der Herbst ist da. Vom herbstlichen Werkeln im Garten halten mich die immer noch ziemlich grünen Pflanzen ab. Da will ich noch gar nicht zurückschneiden, kahle Stellen schaffen und damit den Winter einläuten.

Sogar Blüten gibt es noch, die ein letztes Mal austreiben. Das soll mal alles bleiben, bis es von alleine trocken und braun wird.

In Frankfurt unterschreibt der Sohn seinen neuen Mietvertrag. Das Risiko, den alten Mietvertrag eine Woche davor schon zu kündigen, hat sich gelohnt. Ab dem 1.12. kann er einziehen. Da er sein Apartment aber bis Ende Januar hat, muss er sich keinen Stress machen und kann auch erst im Laufe des Januars umziehen. Wir haben am Abend einen Online-Chat mit beiden Söhnen, und er sagt, wobei er sich versehentlich verspricht: „Die Vermieterin schrieb, sie freue sich, mich als Vermieter zu haben.“ Der andere Sohn reagiert sofort und ruft gespielt besorgt aus: „Oh, nein! Was hast du unterschrieben??“

Mein Vater hat einen Arzttermin. Um 7 Uhr. Da ich ihn begleite, heißt das für mich, dass mein Wecker um 5:15 Uhr klingelt und ich um 6 Uhr zu ihm losfahren muss. Pünktlich um 7 Uhr sind wir in der Praxis und sitzen erstmal im Wartezimmer. Bis 7 Uhr 50, dann werden wir endlich aufgerufen. Oh, menno. Da hätte ich eine Stunde länger schlafen können. „Arzttermin um 7 Uhr“ hört sich nach nichts an, aber mit Fahr- und Wartezeiten werden für mich da schnell drei Stunden draus. Wie prima, dass er in der nächsten Woche wieder einen Termin hat. Dann um 9 Uhr. Vermutlich sitzen wir bis 10 Uhr im Wartezimmer.

Beim Textlernen für das Theaterstück bin ich in der nächsten Phase. Ich werfe alles durcheinander und spreche Sätze, die inhaltlich stimmen, aber aus ganz anderen Wörtern bestehen. Das ist ein gutes Zeichen. Jetzt muss ich nur wieder in die ursprünglichen Formulierungen kommen, um meinen Mitspieler*innen die Chance auf das Erkennen ihrer Stichwörter zu geben.

Am Samstagmorgen fahre ich nach Frankfurt, weil der Sohn Kleidung braucht, die sitzen muss, er sich aber schlecht von hinten ansehen kann. Auf beratende Verkäufer*innen kann man sich leider auch nicht immer verlassen, darum bin ich sicherheitshalber als „Beurteilerin“ mit dabei. In die Innenstadt fahren wir mit der S-Bahn.

Im ersten Geschäft ist der junge Verkäufer nicht nur erstaunlich unmotiviert, sondern auch sehr uninformiert. „Weiß ich nicht, ob wir das haben. Muss ich mal fragen. – Nö, haben wir nicht.“ „Aber im Internet stand, dass Sie das hier haben. Müssen wir dazu vielleicht in eine andere Filiale?“ „Nö, wenn dann hier. Aber haben wir nicht.“ Im zweiten Geschäft treffen wir auf einen sehr motivierten Verkäufer, der mit professionellem Auge sofort die passenden Größen anbringt und uns auf Dinge in der Passform hinweist, von denen wir nichts ahnten. „Sehen Sie hier hinten die kleine Welle, die muss wegen der Bewegungsfreiheit sein, aber die Mittelnaht muss ganz gerade verlaufen und das tut sie!“ OK, gekauft. Bei so einem prima Verkäufer hätte ich gar nicht dabei sein müssen.

Weil wir daran vorbeikommen, machen wir noch eine neugierige Runde durch die Kleinmarkthalle, die aber kurz ausfällt, weil es uns dort am Samstagvormittag zu voll ist. Vermutlich bekommt man dort alles, was man sich kulinarisch wünschen kann, das ist schon interessant. Danach folgen wir einem Tipp und essen im Hauptbahnhof bei einem indischen Imbiss. Der soll besonders gut sein. Chicken Korma und Butter Chicken mit jeweils Mango-Lassi dazu sind – ja, lecker, aber nicht sensationell. Vielleicht haben wir aber auch schon zu oft sensationell gut indisch gegessen.

Bei der Rückfahrt stehen wir im Mittelgang der S-Bahn und gleich neben uns sitzen zwei ältere, kernige Spanier?/ Portugiesen?/ Mexikaner? Sie sehen nach Zigaretten und Sangria?/ Portwein? Tequila? aus und unterhalten sich mit rauen Stimmen spanisch?/ portugiesisch?/ mexikanisch? Wir lassen die uns unverständlichen Sätze minutenlang an den Ohren vorbeirieseln und hören plötzlich mitten im Satz laut und deutlich: „… Salamanca …“ Ich bin sofort hellwach, blicke zum Sohn, der guckt zurück und unsere Mundwinkel zucken vor unterdrücktem Grinsen. Héctor Salamanca ist ein fiktiver Charakter und äußerst unangenehmer Bandenchef in der Serie „Breaking Bad“. Die beiden Leute in der Bahn passen optisch perfekt in sein Kartell. Im Film könnte es gleich gefährlich werden. Keine Minute später hält die Bahn und wir steigen lachend aus. Beide ein bisschen erleichtert, dass wir raus sind. Wie cool: Da treffen wir in einer Frankfurter S-Bahn auf Leute aus Salamancas Drogenkartell! Also fast. Vielleicht haben die beiden düsteren Herren nur über die Sehenswürdigkeiten der spanischen Stadt Salamanca geredet und dass sie im Sommer unbedingt nochmal die Kathedrale und das Kunstmuseum besuchen müssen. Ich habe ja nichts verstanden, außer „Salamanca“.

Ich mag den Herbst ziemlich gerne. Vor allem, wenn es draußen unangenehm feucht und grau ist, ich aber drinbleiben kann und eine Kanne heißen Schwarztee, Kluntjes und Milch auf dem Tisch habe. Wenn dann noch Regen gegen die Fensterscheiben prasselt, finde ich es ziemlich gemütlich. Andere kriegen Depressionen, ich ziehe mir dicke Socken an und trinke Tee. Bisher klappt das noch mit der Gemütlichkeit, aber ich befinde mich gerade in einem freiwilligen Live-Experiment, das ungemütlich werden oder auch scheitern könnte.

Das Experiment: Wir stellen die Zentralheizung nicht an, die Heizkörper bleiben kalt. Den ganzen Winter über. Stattdessen haben wir einzelne Klimageräte und bei Bedarf elektrische Heizöfchen, die immer nur über kurze Zeit eingeschaltet werden, um in ausgewählten Zimmern die gewünschte Raumtemperatur zu erreichen. Unser Ziel ist, das wir punktuell heizen und in Zukunft ganz auf unsere Ölheizung verzichten können. Die ist schon älter und müsste in den nächsten Jahren erneuert werden. Vielleicht brauchen wir aber gar keine mehr. Das können wir am besten jetzt testen, wo sie noch funktioniert und im Notfall einfach wieder eingeschaltet werden kann.

Bisher klappt das individuelle Heizen sehr gut, aber es ist ja auch noch nicht richtig kalt. Wir leben allerdings auch im Rheinland, da gibt es im Winter selten zweistellige Minustemperaturen, und wenn, dann nur über einen überschaubaren Zeitraum. Hilfreich ist, dass ich es normal finde, wenn es im Winter in der Wohnung auch mal kühler als im Sommer ist. So war das früher auch immer. In meiner ersten Wohnung gab es bei Frost Eisblumen auf der Innenseite der Einfachverglasung. Und einen einzigen Ölofen im Wohnzimmer. Inzwischen gehen viele Leute davon aus, dass man auch im Winter mit T-Shirt in einer überall molligwarmen Wohnung herumlaufen kann. Da gehen wir jetzt bewusst einen Schritt zurück. Wohnzimmer, Küche und Bad sind angenehm temperiert – bei uns sind das immer schon 20 Grad, sobald die Temperatur langsam auf 18 absinkt, heizen wir nach. Die Türen bleiben weitgehend geschlossen, in den anderen Räumen wird nur bei Bedarf kurz angewärmt. Ich trage einen Pullover – oder auch noch eine zusätzliche Strickjacke -, habe dicke Socken an den Füßen, und wenn ich abends rumsitze, auch mal eine Decke über den Beinen. Aber die habe ich mir auch oft übergelegt, als wir die Heizkörper aufgedreht hatten. Bisher ist das alles sehr gemütlich. Trotzdem verzichten wir natürlich auf etwas Komfort. Wenn ich dafür keine Ölheizung und keine jährliche Öllieferung mehr brauche, wäre es mir das aber wert.

Optisch sind wir jetzt ein bisschen Retro, denn es stehen Heizöfchen und Klimageräte herum, so wie das früher in manchen Wohnungen aussah, ehe es Zentralheizungen gab. Wir machen unser Winterexperiment aber bewusst mit mobilen Geräten, denn wir sind in der Testphase. Was brauchen wir in welchen Zimmern und wo kommen die Geräte vielleicht an ihre Grenzen? Besonders die Monoblock-Klimageräte gefallen uns, denn sie verbrauchen für die gleiche erzeugte Wärme nur ein Drittel der Energie von Heizöfchen und heizen innerhalb weniger Minuten den Raum warm. Allerdings brauchen sie einen Luftausgang nach draußen, den wir zum schnellen Einsetzen in den Fensterrahmen gebastelt haben. Das funktioniert gut, ist aber erstmal provisorisch. Sollten wir diese Heizart beibehalten, würden wir feste Klimageräte in die Wand einbauen lassen. Da wird sich in den nächsten Jahren noch viel in der Entwicklung tun.

Da wir die Geräte jetzt nicht durchgehend laufen lassen wollen – weil sie dann immer wieder kurzzeitig anspringen würden, um die vorgegebene Temperatur im Raum zu halten -, stellen wir sie bewusst an, wenn es uns zu kühl wird und ab, sobald die Temperatur erreicht ist. Wichtig ist uns auch, dass in der Jahresbilanz die Stromkosten nicht explodieren. Da wir aber im Sommer durch die Photovoltaikanlage nur noch sehr geringe Stromkosten haben, wäre es kein Problem, wenn wir im Winter etwas mehr benötigen.

Fazit bis jetzt: Bei 5 Grad Außentemperatur – kälter war es noch nicht – ist es ganz locker, die bewohnten Zimmer auf unseren gewünschten 19-20 Grad zu haben. Das An- und Ausschalten macht etwas mehr individuelle Arbeit als einfach die Heizungskörper aufzudrehen, funktioniert nach kurzer Eingewöhnung aber überraschend gut. Mal sehen, ob wir im Januar immer noch gut gestimmt sind, halb erfroren auf dem Sofa liegen oder die Ölheizung schon lange wieder angestellt haben. Wie interessant, dass wir selber nicht wissen, wie es kommen wird.