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Blog 813 – 26.11.2013 – Gekürztes Vorlesen und unstetes Bestellen

Es ist Lesungswoche. Von Montag bis Freitag wird an jedem Abend ein Teil von „Der nasse Fisch“ vorgelesen. Bei Teil 3 bin ich dran. Durch mein radikales Kürzen ist der mehr als 500 Seiten lange Roman auf etwa fünf Vorlesestunden geschrumpft. Ich glaube, dass er trotzdem inhaltlich gut zu verstehen ist, im Fluss bleibt und die Lücken und die fehlenden Erzählstränge kaum zu merken sind – aber ob das tatsächlich so ist, werde ich erst beim Zuhören wissen. Nervös bin ich deswegen nicht. Wenn es nicht klappen sollte, wäre das zwar doof, aber da mich der Roman mit den unfassbar 104 (!) (in Worten: hundertvier) Namen und Bezeichnungen sehr genervt hat, liegt er mir nicht am Herzen. Trotzdem habe ich natürlich mit Energie, Konzentration und viel Zeitaufwand an den Kürzungen gearbeitet, denn das Ergebnis soll ja möglichst gut werden. Da haben mich aber eher die Leidenschaft für Texte und der Ehrgeiz, eine deutlich kürzere, vorlesegeeignete Version zu bekommen, getrieben, als Freude am Roman.

Schon im Vorfeld ist das Interesse an den Lesungen deutlich geringer als bei anderen Buchvorstellungen der Kölner Aktion „Ein Buch für die Stadt“. Das liegt vielleicht noch an Corona-Nachwirkungen, wegen denen es oft immer noch geringere Besucherzahlen bei Veranstaltungen gibt. Es liegt wahrscheinlich aber auch am Buch, das schon 2008 erschienen ist und das 2018 die Basis für die TV-Serie „Babylon Berlin“ war. Nichts Neues also für viele Buchinteressierte. Auffällig ist, dass es richtige Fans gibt, die Buch und/oder Film sehr gut finden, ich aber in meinem Umfeld deutlich mehr Leute treffe, die das Buch nur angefangen und dann weggelegt und den Film ebenfalls nicht komplett geguckt haben. Wenn mich ein Buch beim Selberlesen schon nicht packt – oder ich den Überblick verliere -, gehe ich nicht in eine Veranstaltung, wo es mir vorgelesen wird. Es bleibt mir ein Rätsel, warum dieser Roman für das Jahr 2023 gewählt wurde.

Personell bleibt es an den Abenden folgerichtig gemütlich überschaubar. Immerhin haben wir auch einige Dauerzuhörer*innen an allen fünf Terminen – was besonders schön ist. Ich lese in Lechenich, im Bistro des Minigolfplatzes, in dem ich vorher nie war. Schade, denn es ist ein schöner Ort im Grünen, an dem man gemütlich sitzen und essen oder Kaffeetrinken kann, ohne dazu Minigolf spielen zu müssen. Die sehr herzlichen Betreiber bieten am Leseabend an, dass Getränke bestellt werden können, betonen aber ausdrücklich, dass sich dazu niemand verpflichtet fühlen muss. Kalte Getränke und auch Kaffee werden aber freudig und gerne bestellt. Das passt gut zum Zuhören bei einer Lesung.

Die Kürzungen funktionieren sehr gut. Der Text, der ja sowieso flüssig zu lesen ist, gewinnt durch die Konzentration auf die wesentlichen Erzählstränge und das Streichen von mindestens zwei Dritteln der Namen sogar an Spannung. Die Handlungen bleiben übersichtlicher, auch wenn immer noch relativ viele Namen vorkommen. Die Zuhörer*innen finden das Vorgelesene gut und betonen immer wieder, dass ihnen gar nicht auffällt, dass etwas fehlt. Ich sollte überlegen, den Roman in einer Kurzfassung herauszubringen: „Der nasse Fisch – deutlich trockener“. Ich vermute allerdings, dass der Autor daran wenig interessiert wäre. Ich aber auch nicht. Was für ein Glück!


Mitte Oktober (Blog 807) wurden der Gatte und ich in Düsseldorf vor dem Konzert der „Analouges“ von einem WDR-Moderator befragt, was wir am Sender WDR 4 gut finden. Er stellte einige Fragen und wir antworteten und erzählten ins Mikrofon. Danach gingen wir davon aus, dass wir nie erfahren werden, was mit unseren Antworten gemacht wird. WDR 4 hören wir nämlich tatsächlich gerne, aber fast nur während des Autofahrens, und auch das nicht immer. Kaum fahren wir in dieser Woche an einem Abend zur Fisch-Lesung los und stellen das Autoradio an, hören wir den Gatten aus den Lautsprechern sagen: „Ich muss die Musik nur hören und sofort ist der Text da und ich singe mit.“ Wow! Der Gatte spricht im Radio und macht Werbung für WDR 4! Und im Fernsehen und in Social media laufen mehrfach täglich der Verivox-Clips mit dem Fuchs, bei dessen Dreharbeiten ich beteiligt war. Sind wir jetzt Influencer? Unsichtbar und unbekannt? Anonyme Influencer?


Die A-cappella-Gruppe Maybebop sammelt über „startnext“ finanzielle Unterstützung, um ihr neues Bühnenprogramm „Muss man mögen“ in Bild und Ton aufzeichnen zu können. Ich mag es sehr, wenn man als Künstler möglichst unabhängig bleibt und auf diese Art die Kontrolle über seine Arbeit behält. Außerdem finde ich das neue Programm sehr gut und Maybebop sowieso. Als die startnext-Aktion am 1. November beginnt, bin ich trotzdem ein wenig enttäuscht. Große Banner – für die ich keinen Platz habe, ein Kinoevent – das für mich zu weit weg ist, der Name im Abspann – na ja, … aber keine Angebote wie bei den vorherigen Aktionen, bei denen sie Spieleabende anboten, Joggingrunden, Golfen, Abendessen. Gerade den persönlichen Einsatz fand ich immer bemerkenswert. Nicht mal eine DVD von der Aufzeichnung soll es geben, sondern ein Booklet und dazu einen Link, mit dem der Konzertfilm heruntergeladen und auf dem Rechner gespeichert werden kann. Och, nö. Vermutlich ist das die Zukunft, aber ich hätte dann doch lieber eine richtige DVD.

In dieser Woche scrolle ich kurz vor dem Schlafengehen noch eben bei Facebook durch. Oh! Maybebop stellt eine limitierte DVD-Ausgabe des Konzertes bei startnext ein. Hurra! Eine DVD nehme ich sofort!

Schnell öffne ich die startnext-Seite. Neben mir maunzt die Katze. „Einen Moment, ich muss schnell was machen, ich lasse dich gleich raus!“, sage ich, denn ich rede mit meiner Katze in ganzen Sätzen. Hastig krame ich nach meiner Kreditkarte, die Katze maunzt. „Ja, ich komme gleich, warte mal eben!“, erkläre ich. Ein klagendes „Maauu!“ folgt. Schnell die DVD-Ausgabe anklicken – „Mauu“ – Kreditkartennummer eintippen – „Mauu“ – Securecode eintip… – „Maaauuu“. Ich lasse alles liegen, stehe auf und will die Katze aus der Tür lassen. Sie läuft stattdessen aber zu ihrer Futterecke und möchte noch einen Abendsnack haben. Schnell Tütchen auf, rein in den Napf und zurück zum Rechner. Securecode, tipp, tipp, klick – alles fertig. Oh, wie schön, ich bekomme eine DVD! Ich freue mich sehr. Wie gut, dass ich nochmal bei Facebook war und dann sofort reagiert habe, ehe sie vielleicht ausverkauft ist! Hurra, hurra, hurr… häh … ? Ich werfe einen Blick auf meine Bestätigung. Oh, nein! Ich habe mich in der Eile und bei dem ständigen Maunzen vertan und nicht die DVD, sondern die Version mit dem Link zum Runterladen angeklickt! „Maauuu“ macht es neben mir, die Katze will jetzt raus.

Am nächsten Abend denke ich trübsinnig, dass ich jetzt wegen eigener Blödheit einen Konzertlink bekomme und keine DVD. Da fällt mir ein, dass es doch sicher eine Möglichkeit zur Stornierung der Bestellung gibt. Ja, hurra! Nach wenigen Klicks habe ich die Link-Bestellung storniert und stattdessen eine DVD-Bestellung gemacht. Das gibt für das Croudfunding sogar einige Euro mehr.

Ach, wie schlau von mir! Blödheit und Schlauheit sind damit ausgeglichen und ich bin wieder mittig eingeordnet. Aber nur kurz. Aus den hinteren Hirnregionen taucht auf, dass ich bei Beginn des Crowdfundings vor drei Wochen eine CD vom neuen Programm gebucht habe, um das Projekt zumindest zu unterstützen. Aber eine CD habe ich doch vor einigen Tagen spontan auch beim Shop bestellt! Danach habe ich doch sogar noch die Augen über mich selber verdreht, weil ich doch bald zum Konzert gehe und die CD dort vor Ort kaufen und gleich signieren lassen wollte, was ich aber vergessen hatte, als ich beim Shop bestellte. Wie blöd bin ich eigentlich? Ich sehe meine Mails nach: Ja, erst vor einer guten Woche habe ich die neue CD im Shop bestellt. Mist, jetzt bekomme ich zwei. Ich sehe bei meinem startnext-Konto nach: Nein, da habe ich keine CD bestellt, denn die gibt es bei den Angeboten gar nicht, sondern den Konzert-Link, den ich gar nicht wollte, den ich aber wählte, um das Projekt trotzdem zu unterstützen. Jetzt bekomme ich also eine CD, eine Konzert-DVD und einen Konzert-Link.

Was mache ich denn jetzt mit dem für mich völlig überflüssigen Konzertlink? Stornieren? Stattdessen eine weitere DVD bestellen? Das bringt mir ja auch nicht viel. Ich gucke mir die startnext-Angebote an und überlege, ob es da nicht doch etwas gibt, das mich reizt. Ja, eine Improvisation finde ich gut, die kostet allerdings so viel wie vier DVDs und ich brauche sie nicht wirklich. Andererseits … wäre schon witzig … und würde mich tatsächlich freuen. Dann unterstütze ich das Projekt eben mit etwas mehr finanzieller Beteiligung. Zack, Konzert-Link storniert, Improvisation bestellt. Ja, fühlt sich gut an. Aber dieses Hin und Her ist ja schon fast peinlich. Mein Bestellverlauf weist auf eine sehr unstete Person hin. Was beschwere ich mich eigentlich über die vielen Handlungsstränge und unfassbar viele Namen beim „nassen Fisch“, wenn ich schon beim CD- und DVD-Bestellen so viele überflüssige Windungen und Handlungen einbaue?


Das Heizung-Experiment läuft immer noch erfolgreich. Die Ölheizung bleibt weiterhin aus, das Monoblock-Klimagerät erweist sich sogar als großartiger Fön, an dem ich mir nach dem Duschen schnell die Haare trockenpusten lasse. Wenn es so weitergeht, können wir in Zukunft nicht nur auf die große Ölheizung verzichten, sondern auch auf den Fön.


Das vor vier Wochen verunfallte Auto darf laut Obduktionsbericht … ach, nee, Gutachten, nicht am Straßenverkehr teilnehmen. Der rechte Vorderreifen könnte eventuell einen Karkassenbruch haben und während der Fahrt platzen. Gut, dass ich das noch nicht wusste, als ich mit dem Auto über die Autobahn zum Gartencenter gefahren bin, um den Kirschbaum zu holen! Da hieß das erste Untersuchungsergebnis noch: „Nichts verzogen, Sie können damit fahren.“ Mit dem schriftlichen Gutachterurteil hat sich das natürlich geändert und seitdem steht das Auto still. Auf einmal fällt mir ein, dass die Verkehrsuntüchtigkeit des Autos nur am Reifen liegt. Ich rufe kurz in der Werkstatt an und sichere mich ab: Ja, mit anderen Reifen könnte ich sofort wieder fahren. Weil sowieso inzwischen die Zeit für Winterreifen ist, nehmen wir die Sommerreifen ab und wechseln sie gegen die Winterversionen.

In diesem Falle mache ich das alleine, unter der Beobachtung des Gatten, der sich gerade akut verrenkt hat und auf meinen Wunsch hin wenig bewegen soll. Außerdem will ich gerne sehen, ob ich die Schrauben alleine aufgedreht und auch wieder festgezogen kriege. Das passende Werkzeug ist da und der Reifenwechsel klappt problemlos. Prima! Jetzt kann ich nicht nur einen kompletten Reifenwechsel alleine machen, sondern das Auto sogar wieder benutzen – auch wenn die Beifahrertür beim Öffnen knirscht und sich leicht absenkt. Aber sie hält.


Am Freitagabend ist der letzte Teil der Lesungen dran. Die Vorleserin ist gesundheitlich nicht ganz fit und ich übernehme das Lesen spontan. In ihre gekürzte Fassung habe ich, seitdem ich sie abgegeben habe, nicht sehen können, so dass ich am Abend nicht nur unvorbereitet den Text lese, sondern dabei auch den Durchblick bei den verwirrenden Streichungen und gelb markierten Textpassagen behalten muss. Wer spricht gerade, wo geht der Satz weiter, ist das noch wörtliche Rede oder sind es Gedanken?

Es klappt aber gut und macht mir Spaß. Am Ende haben wir zufriedene Zuhörer, die das Vorlesen an den Abenden und auch die Kürzungen sehr loben. Einige sind – so wie ich schon beim ersten Lesen – etwas enttäuscht über das Ende des Romans. Es gibt noch einmal viele Namen, viele Leute, viel Gewirr, viele Schüsse und viel Spannung – und dann ein Ende ohne viele Erklärungen, das in seiner Ruhe und Ereignislosigkeit so gar nicht zum ausufernden Roman passt.

Aber: Puh! Geschafft! Mich hat das Buch in seiner langen Version sehr genervt, gekürzt fand ich es spannender, aber nicht berührend oder besonders gut geschrieben. Die Lesewoche hat mir trotzdem Spaß gemacht. Ich beende sie mit einem guten Gefühl und gebe meinen gekürzten dritten Teil mit leichtem Herzen ins Altpapier.